Predigten 2003



Die Heiligen und die Ökumene



Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz in der ev. Michaelskirche am Reformationssonntag,
2. November 2003

(Lesungen für den Reformationstag: Röm 3,21-28; Mt 5,1-12)
Dekan Schwandner und Dekan Lukasz im ökumenischen Gottesdienst am 2.11.2003 in der Michaelskirche; Foto: Kießling
 
 
 
Dekan Dr. Czeslaw Lukasz am 2.11.2003 in der Michaelskirche; Foto: Kießling Liebe Mitchristen, sehr geehrter, lieber Herr Dekan Schwandner, zuerst möchte ich mich für die Einladung zur Predigt an so einem hohen evangelischen Feiertag, am Reformationsfest, sehr herzlich bedanken. Bei dieser Gelegenheit danke ich auch nochmals für die Predigten, die Dekan Schwandner und andere Pfarrerinnen und Pfarrer in meiner Kirche St. Albertus Magnus in den letzten Jahren gehalten haben. Es sind schöne Zeichen des guten ökumenischen Miteinanders in Ottobrunn.
Wenn ein katholischer Priester auf der Kanzel einer evangelischen Kirche steht,
da liegt es nahe, dass die Gemeinde von ihm eine Predigt erwartet, die auch das Thema Ökumene berührt. Ich möchte es heute tun, und zwar aus der Überzeugung heraus, dass wir auf dem Weg zur Einheit nicht stehen bleiben und uns von auftretenden Schwierigkeiten nicht abhalten lassen sollen, sondern immer neue Gemeinsamkeiten suchen und kleine Schritte tun, um dem Wunsch Jesu näher zu kommen: "Sie sollen eins sein".

Sind Heilige typisch katholisch?

Typisch katholisch, typisch evangelisch – so werden einige charakteristische Dinge unserer beiden Kirchen im Volksmund bezeichnet. Gestern haben wir Katholiken das Fest Allerheiligen mit Festgottesdiensten gefeiert. Die Verehrung der Heiligen gilt als eine typisch katholische Praxis. Evangelische Christen und auch evangelische Pfarrer hatten dagegen gestern frei. Die Verehrung der Heiligen, die ihre Wurzel lange vor der Reformation hat, gilt als untypisch für evangelische Kirchen.
Dass dies, was man für typisch hält nicht immer stimmen muss, dass die Problematik viel komplexer ist und die Trennlinien zwischen unseren Kirchen nicht so klar verlaufen wie man sich oft denkt, möchte ich heute an dem Thema der Heiligen und ihrer Verehrung aufzeigen.

Wir alle, katholische und evangelische Christen, sprechen das selbe Apostolische Glaubensbekenntnis aus dem 4. Jh. und dort heißt es - ich zitiere das lateinische Original: "Credo in Spiritum Sanctum, sanctam Ecclesiam catholicam, sanctorum communionem, ...": "Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische (bzw. christliche) Kirche, Gemeinschaft der Heiligen,...". Für mich wichtig ist heute hier "Gemeinschaft der Heiligen": "Ich glaube an ... Gemeinschaft der Heiligen" – so sprechen Katholiken und Protestanten allerorts. Wie ist es also mit den Heiligen in unseren Kirchen? Trennen uns die Heiligen wirklich voneinander? Sind sie Hindernis für die Ökumene? Ich bin selbst überrascht gewesen feststellen zu können, dass das nicht der Fall ist.

Die Gemeinschaft der Heiligen

Was bedeutet aber genau "Gemeinschaft der Heiligen", die wir gemeinsam im Credo bekennen. Zwei Aspekte sind hier unbedingt zu nennen.

Die "Gemeinschaft der Heiligen" so wie sie in diesem Apostolischen Credo steht, ist zuerst vom Neuen Testament her als die "Gemeinschaft der Glaubenden" zu verstehen. Es geht dabei um eine andere Umschreibung der Kirche: Die Heiligen, das sind die Menschen, die auf Grund der Taufe die Gemeinschaft der Kirche bilden. Die "Heiligen" sind hier noch keine herausgehobenen Idealgestalten, sie tragen sozusagen noch keinen Heiligenschein. Für Paulus sind alle Christen heilig, auch wenn die Sünde ihnen nicht fremd ist. Er spricht von "berufenen Heiligen" (1 Kor 1,2), von "allen Heiligen in Jesus Christus" (Phil 1,1), von "heiligen, geliebten Auserwählten" (Kol 3,12). Aus diesen Heiligen, aus Menschen die getauft sind und an Christus glauben, gründet Gott eine Gemeinschaft der Heiligen, die Kirche. So ist die erste Bedeutung der "Gemeinschaft der Heiligen" vom Neuen Testament her.
Nun muss man aber auch feststellen, dass diese Formel, wenn sie um 400 in das Apostolische Glaubensbekenntnis kommt, eine zweite erweiterte Bedeutung bereits in sich trägt, die über die "Gemeinschaft der Heiligen" als die Gemeinschaft der Glaubenden hinausgeht. Zu dieser Gemeinschaft gehören auch die Christen, die verstorben sind und von denen wir glauben, dass sie bereits im Himmel sind. Unter ihnen werden einige besonders hervorgehoben: Das sind die Märtyrer, deren Verehrung sich schon ab dem 2. Jh. verbreitet, und seit dem 4 Jh. auch herausragende Nichtmärtyrer, die sog. Bekenner. Diese herausragenden Gestalten sind bereits hier mit gemeint, wenn die Kirche sich zur Gemeinschaft der Heiligen bekennt. Diese Heiligen machen den Gläubigen Mut ähnlich zu glauben und zu leben, sie laden sie zur Nachahmung ein und weisen auf die ewige Heimat bei Gott hin. Deshalb werden sie auch besonders verehrt. In diesem frühchristlichen Bekenntnis zur "Gemeinschaft der Heiligen" sind bereits Spuren der Heiligenverehrung zu finden.

Das Fest Allerheiligen

An diese Gemeinschaft der irdischen, noch pilgernden Kirche mit der Kirche, die im Himmel bereits vollendet ist, denken wir Katholiken am Fest Allerheiligen. Wir verehren in einem einzigen Fest unzählige Frauen und Männer, die sich in der zweitausendjährigen Gesichte der Kirche im heroischen Glauben bewährt haben und zur Vollendung bei Gott gelangt sind. Wir glauben, dass sie unzählig sind, dass ihre Zahl unendlich größer ist, als die Zahl derer, die durch die Selig- und Heiligsprechung offiziell zur Ehre der Altäre erhoben wurden. Sie alle, berühmt und bekannt, anonym und vergessen, halten uns das Ziel unserer irdischen Pilgerschaft vor Augen.
An Allerheiligen werden in der katholischen Kirche die Seligpreisungen aus Mt 5 gelesen – das selbe Evangelium, wie heute am Reformationssonntag bei Ihnen. Man möchte fast sagen: Durch die Seligpreisungen und Reformen bahnt sich für jeden Christen der Weg in die Gemeinschaft der Heiligen im Himmel. Der Glaube an eine solche Gemeinschaft der Heiligen ist Ausdruck unserer gemeinsamen christlichen Hoffnung, die in der Bibel gründet und durch Jahrhunderte gelebt wurde.

Die Praxis der Heiligenverehrung

Was unsere Kirchen voneinander unterscheidet, was man für typisch und untypisch hält, das ist vielmehr die Praxis der Heiligenverehrung. Die Katholiken legen Wert darauf, dass diese unsere Schwestern und Brüder im Glauben, die schon die Fülle der Erlösung genießen, von uns, der pilgernden Kirche auf Erden besonders beachtet und verehrt werden, weil sie in Gott vollendete Menschen sind und uns zu Vorbild und Hilfe werden, wie auch unser Leben gelingen kann und wie auch wir zu dieser Vollendung gelangen können.
Lassen Sie mich die Heiligenverehrung von der katholischen Seite her in fünf Punkten erklären.

(1) Die Katholiken müssen die Heiligen nicht verehren. Nicht einmal das Konzil von Trient, zu Beginn der Gegenreformation, verpflichtet einen Katholiken dazu. Die Heiligenverehrung sei nur "gut und nützlich". Nirgendwo ist die Rede von einer Pflicht oder gar einer Heilsnotwendigkeit der Heiligenverehrung. Mit anderen Worten, ein katholischer Christ ist auch dann ein guter Christ, wenn er die Heiligen nicht verehrt.

(2) Wenn wir heute von der Heiligenverehrung sprechen, dann sind wir weit entfernt von ihren mittelalterlichen Formen, die auch zu Missbräuchen im Bereich des Reliquienkultes und des Ablasswesens führten. Katholische Christen werden auch heute davor gewarnt, die Verehrung der Heiligen zu fremden Zwecken zu missbrauchen.

(3) Der Heiligenkult widerspricht nicht der Rechtfertigungslehre. Die einzige Mittlerschaft Christi und die Rechtfertigung allein aus dem Glauben werden nicht verschleiert. Die heutige Lesung aus dem Römerbrief zum Reformationssonntag, ist auch für uns Katholiken Richtschnur für die Glaubenspraxis.

(4) Wir unterscheiden zwischen Verehrung (Veneratio) und Anbetung (Adoratio). Die Anbetung gebührt Gott und Christus allein. Die Mutter Gottes, die Apostel, die Märtyrer und Bekenner, die Heiligen, werden nicht angebetet, sondern "nur" verehrt. Sie bleiben Geschöpfe, auch wenn sie schon "erlöste Geschöpfe" sind. Keine Gefahr, dass sie an die Stelle Gottes treten. Sie weisen nur auf Gott hin.

(5) Wenn wir die Heiligen verehren, dann verehren wir nicht sie als Menschen, sondern Gottes Wirken in ihnen. Wir staunen, welche Wunder Gottes Gnade in ihnen gewirkt hat, in diesen Heiligen, die Menschen waren wie wir. Die Heiligenverehrung ist eine Form der Gottesverehrung. Wenn wir Heilige anrufen, dann öffnen wir uns demselben Wirken Gottes in uns.

Ökumenische Feststellungen in "Communio Sanctorum" (CS)

Die Heiligenverehrung beschäftigte in der letzten Zeit auch die Theologen der beiden Kirchen im ökumenischen Dialog. Mit viel Interesse habe ich das ökumenische Dokument vom Jahr 2000 gelesen, das die Überschrift trägt: "Communio Sanctorum. Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen", ausgearbeitet von einer bilateralen Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz und der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands. Auf über 100 Seiten wird in minutiösen Ausführungen versucht, verschiedene Aspekte des Kirchenverständnisses in ökumenischer Hinsicht zu klären.
Einige Seiten sind auch dem Thema der Verehrung der Heiligen gewidmet. Zwei wichtige Feststellungen möchte ich hier zitieren. Sie klingen fast revolutionär.

(1) Die Christen beider Kirchen werden eingeladen die Heiligen zu verehren: "Die römisch-katholische Kirche und die evangelisch-lutherische Kirche stimmen darin überein, dass man die Heiligen ehren soll" (CS 230).

(2) Eine in der Theologie begründete Verehrung der Heiligen ist nicht kirchentrennend. "Wo die Verehrung der Heiligen mit ihren christologischen, soteriologischen und ekklesiologischen Voraussetzungen und Bedingungen gesehen wird, braucht sie sich also nicht mehr kirchentrennend auszuwirken" (CS 244).

Ökumenische Dimension der Heiligenverehrung

Das Gedenken der Heiligen muss die Kirchen nicht trennen. Es ist nicht nur nicht sinnlos, sondern auch hilfreich und heilsam. Die Verehrung bestimmter Heiligen kann der Stärkung des Glaubens dienen. Konkrete Vorbilder der Christusnachfolge können uns allen Lebensorientierung sein.
Wir Christen dürfen stolz sein auf so viele Lichtgestalten der zweitausendjährigen Geschichte des Christentums. Mutige Zeugen des Glaubens der christlichen Jahrhunderte können uns ebenso viel sagen, wie manche oft nur umrisshaft bekannte Gestalten der Bibel. Ich habe gelesen, dass Heilige wie Franz von Assisi, Hildegard von Bingen oder Theresa von Avila auch manchen evangelischen Christen Impulse geben für die Verwirklichung ihres Christseins. Am heiligen Martin und dem heiligen Nikolaus kommen auch evangelische Familien nicht vorbei...
Einige Protestanten treten für eine „evangelische Heiligenverehrung" ein. Martin Luther bezeichnete zwar das "Heiligen-Anrufen" als "der endchristlichen Missbräuche einer", er präsentiert aber, im Gegensatz zu Calvin und anderen Reformatoren, eine gemäßigte moderate Linie. Wenn die Heiligenverehrung unter der Berücksichtigung der Rechtfertigungslehre geschieht, dann hätte er wahrscheinlich nichts daran auszusetzen.

Ein ökumenisches Beispiel kommt aus Skandinavien. Das Gedächtnis der heiligen Brigitta, Henrik und Olaf als Glaubensboten für skandinavische Länder, hat auch für die evangelisch-lutherischen Christen in Skandinavien einen besonderen Stellenwert. Im Gedenken an die gemeinsamen Glaubenszeugen wird ein ökumenisches Miteinander gestärkt.
Am 7. Mai des Jubiläumsjahres 2000 war zusammen mit Papst Johannes Paul II. der katholischen, orthodoxen und protestantischen Glaubenszeugen des 20 Jh. am Kolosseum gedacht worden. Die Teilnahme von hochrangigen Vertretern vieler christlicher Kirchen hatte bei dieser Feier die ökumenische Bedeutung der gemeinsamen Zeugen deutlich gemacht. Ein solches Ereignis spricht, wie der Papst sagte, "mit lauterer Stimme als die Urheber der Spaltung". So konnte man sinngemäß formulieren: Die Glaubenszeugen, die Heiligen, sind nicht nur katholisch, sie sind auch evangelisch. Sie machen die Kirche glaubwürdig, überzeugend und anziehend, gerade in unserer säkularisierten Zeit. Das Blut der Glaubenszeugen des 20. Jh. wie Edith Stein, Maximilian Kolbe, Dietrich Bonhoeffer, Paul Schneider, Martin Luther King, Oscar Romero bestärkt die Einheit der Christen.

Die Erinnerung an das Zeugnis so vieler Christen kann ökumenisch nicht fruchtlos bleiben. Die Verehrung der Heiligen kann katholische und evangelische Christen näher zusammenbringen, uns gegenseitig bereichern, wenn wir uns alle bemühen auf das Wesentliche zu achten. Das erwähnte gemeinsame Dokument "Communio Sanctorum" spricht folgende Empfehlungen für unsere Kirchen aus: Die Katholiken sollten alles vermeiden, was zu Missdeutungen und Missbräuchen in der Heiligenverehrung führen kann. Evangelische Christen sollten die Intention der Heiligenverehrung in den Blick nehmen und sich auch um Verständnis für konkrete und traditionelle Formen des Kultes bemühen. (CS 244).

Heilige auf unserer Augenhöhe

Zum Schluss erlauben Sie mir eine persönliche Erinnerung. Im Mai dieses Jahres war ich mit 30 Leuten aus meiner Pfarrgemeinde auf einer Rundreise in Griechenland. Wir haben auch die orthodoxen Meteora-Klöster besucht, die auf den steilen Felsen in schwindelnder Höhe liegen. Sie sind voll von Abbildungen der Heiligen. In einer kleinen runden Kirche waren mehrere Heilige an den Wänden in Lebensgröße gemalt. Sie stehen nur etwa einen halben Meter über dem Boden, so dass man das Gefühl hat, sie sind auf unserer Augenhöhe, sie schauen uns an, sie sprechen mit uns. Man fühlt sich schon als Besucher in diese ihre Gemeinschaft aufgenommen. Die Führerin, die uns die Kirche erklärte, sagte: Es ist nicht so schwierig heilig zu werden, nur ein kleiner Sprung, nur einen halben Meter hoch, und schon ist man dabei.

Das möchte ich Ihnen, liebe Mitchristen der Michaelskirche, wünschen und zwar mit den Worten von Paulus aus dem Römerbrief, die ich leicht verändert habe: "Allen in der Michaelskirche, die von Gott geliebt sind, den berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus" (Röm 1,7). Amen.

 
 
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Last updated 06.12.07
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