Predigten 1999


Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre

Predigt von Pfarrer Lukasz am 31. Oktober 1999 in der ev. Michaelskirche, Ottobrunn

Liebe Michaelsgemeinde,
liebe Schwestern und Brüder im gemeinsamen Glauben,

bevor ich über die Rechtfertigung spreche, sollte ich mich zuerst selbst vor Ihnen rechtfertigen, dass ich als katholischer Pfarrer hier auf der evangelischen Kanzel (am Ambo) stehe und dazu noch heute am Tag der Reformation, an diesem Tag, der gerade das Trennende zwischen den Kirchen betont.

Zu meiner Rechtfertigung kann ich sagen: Herr Pfarrer Schwandtner hat mich eingeladen. Ich bin mir also keiner Schuld bewusst - dies zur Rechtfertigung meiner Präsenz.

Sie spüren schon, liebe Mitchristen, dass der Begriff "Rechtfertigung" in diesem Zusammenhang und im allgemeinen Sprachgebrauch negativ besetzt ist. Er bedeutet die Notwendigkeit, eine Erklärung abzugeben, seine Unschuld zu beteuern, um von einem Verdacht freigesprochen zu werden.

Wenn wir von Rechtfertigung vor Gott sprechen, dann müssen wir von dieser negativ belasteten Alltagsbedeutung des Begriffs Abschied nehmen. Denn die Rechtfertigung des Menschen vor Gott hat mit der Rechenschaftsabgabe nichts Gemeinsames. Die Rechtfertigung vor Gott bedeutet, dass wir zu ihm ohne Reden und Erklärungen kommen dürfen, dass wir von ihm angenommen werden, so wie wir sind, dass wir ihm nichts vorzuweisen brauchen, damit er "ja" zu uns sagt. Diese Annahme des Menschen durch Gott, theologisch "Rechtfertigung" genannt, ist das Thema des heutigen Tages in unseren beiden Kirchen. Erfreulich, dass das Thema auch in der Öffentlichkeit und in den Medien eine breite Resonanz findet.

Für unsere beiden Kirchen ist heute ein historisches Datum. In 45 Minuten, um 11.00 Uhr, beginnt in Augsburg ein festlicher Gottesdienst. Im Rahmen dieses Gottesdienstes wird von hohen Vertretern der römisch-katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbundes die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" feierlich unterzeichnet. Diese Erklärung ist das erste offiziell angenommene Dokument zum Verhältnis von Lutheranern und Katholiken mit weltweiter Gültigkeit. Es ist das Ergebnis eines langen Weges, der mit der Aufnahme von Gesprächen nach dem zweiten Vatikanischen Konzil, Ende der sechziger Jahre, begonnen hat. An der Frage der Rechtfertigung zerbrach im 16. Jh. die kirchliche Einheit. Die heute zu unterzeichnende Erklärung, an dem die Theologen der katholischen Kirche und der Reformationskirchen dreißig Jahre lang gemeinsam gearbeitet haben, wird deshalb als entscheidender Schritt zur Überwindung der Kirchenspaltung angesehen.

Ich habe mich gefragt: brauchen wir dieses Dokument, das eine an sich abstrakte und unserem Alltag, eigentlich auch unserem Glauben, fern stehende Frage bearbeitet? Ich meine "ja". Zuerst muss man daran erinnern, dass sich im Laufe der letzten dreißig Jahre sehr viel zwischen unseren Kirchen und den Gläubigen verändert hat. Ich bin zwar nicht hier aufgewachsen, habe mir aber viel davon erzählen lassen, wie es zwischen Protestanten und Katholiken in Bayern und in Deutschland früher bestellt war. Wir schmunzeln heute, wenn erzählt wird, wie ein Katholik am Buß- und Bettag die Glocken der ev. Kirche heimlich festband, damit sie nicht zum Gottesdienst läuten und die Evangelischen in die Kirche gehen, während er arbeiten muss, oder wie ein Protestant am Fronleichnamsfest einen Wagen mit Mist durch die Straßen gefahren hat, auf denen später die katholische Prozession zog. Eine ökumenische Ehe war zu diesen Zeiten fast der Sünde gleich.

Heute, Dank sei Gott, sind viele ökumenische Beziehungen zur Selbstverständlichkeit geworden. In allen Bereichern und auf allen Ebenen kirchlichen Lebens lassen sich Beispiele für gelebte Gemeinschaft nennen. Zu wichtigen Fragen in unserer Gesellschaft gibt es gemeinsam verfasste offizielle Stellungnahmen beider Kirchen: z.B. zur Bewahrung des Sonntags, zur wirtschaftlichen und sozialen Lage, zu Fragen von Flucht und Migration. Ökumenische Schulgottesdienste, gemeinsame Angebote für Kinder und Jugendliche, gegenseitige Einladungen gehören zum Alltag vieler Pfarreien. Die Predigt von Herrn Pfr. Schwandtner bei einem Gottesdienst in St. Albertus Magnus im Januar dieses Jahres haben meine Pfarrangehörigen sehr begrüßt. Der gemeinsame ökumenische Gottesdienst aller Ottobrunner Christen auf der Maderwiese im Juni dieses Jahres, der für das Jahre 2000 wieder geplant ist, war ein starkes Zeichen des Wunsches und des Willens der Einheit auch bei uns in Ottobrunn.

Wir sind also in den letzten Jahrzehnten, durch viele gemeinsame Aktionen, sehr nahe zusammengekommen. Doch ausgespart blieb bisher der Ausgangspunkt der Kirchentrennung: das unterschiedliche Verständnis der Rechtfertigungslehre. Solange diese Unterschiede nicht bearbeitet werden, solange wäre es theoretisch möglich, das, was in den letzten Jahren mühsam zusammengefügt wurde, wieder zu trennen. Die gemeinsame Erklärung will einen solchen möglichen Rückschlag der Ökumene verhindern. Sie will dazu dienen, der bereits gelebten Ökumene eine feste Basis und Haltbarkeit zu geben. Sie will die Ausgangs-Wunde der Spaltung zwischen Lutheranern und Katholiken heilen und den Weg für weitere Schritte in die Richtung Einheit der Kirche öffnen.

Das ist die erste, würden wir sagen kirchen-politische und theologische Bedeutung der gemeinsamen Erklärung. Die zweite Bedeutung hat direkt mit dem Glauben von uns katholischen und evangelischen Christen zu tun. Die gemeinsame Erklärung führt uns in das Zentrum unseres Glaubens, sie führt uns in die Frage, die sich der Mensch immer stellt: Wie werde ich von Gott angenommen? Sie führt uns in die menschliche Suche und das menschliches Fragen nach Heil und Erlösung: wie muss ich sein, was muss ich tun, um von Gott angenommen zu werden? Zu Luthers Zeiten – geprägt durch reformbedürftige Praxis und theologische Spekulationen – suchten die Menschen Zuflucht bei religiösen Werken und Übungen wie Ablass, Gelübde, Wallfahrten. Zumindest diese Übungen und Werke sollten ihnen die Hoffnung geben, vor Gott Bestand zu haben. Auch Martin Luther war als Seelsorger und persönlich von der Frage nach einem gnädigen Gott umgetrieben. Befreiung aus dem Kreislauf des bangen Fragens brachte ihm das Studium der Heiligen Schrift, besonders des Römerbriefes. Hier entdeckte er, was in Vergessenheit zu geraten drohte: der Mensch braucht Gott nicht gnädig zu stimmen, er kann es auch gar nicht. Er braucht es nicht, weil bereits in und durch Jesus der Mensch von Gott angenommen ist. Der Mensch kann es auch nicht, denn das Wirken Jesu bedarf keiner Ergänzung. Jesus ist es, der für die Menschen vor Gott seinem Vater eintritt. Jesus ist es, der den Menschen Gemeinschaft mit seinem Vater eröffnet und ihnen den Weg ebnet zu einem Leben in und mit Gott. Durch Jesu Wirken ist der Mensch recht vor Gott, er ist gerechtfertigt. Einzig gefallen lassen muss sich der Mensch diese Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Wo sich der Mensch mit seiner ganzen Existenz auf dieses Angebot Gottes verlässt, da ist Glaube. Dieser Glaube allein ist die Rettung.

Deutlich lässt sich dies am Beispiel des Schächers am Kreuz sehen (Lk 23,39-42). Er kann nichts für sich selbst tun. Allein auf das Wort und Wirken Jesu kann er sein Vertrauen setzen und so Gemeinschaft mit Gott, sein Heil, erreichen. Mit dieser wiedergewonnenen Erkenntnis war für Martin Luther auch ein Maßstab gegeben, den er an alle Lehre und Praxis kritisch anlegte mit der Frage: Was bringt diese Botschaft zum Leuchten und was verdunkelt sie? In den nachfolgenden Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts entwickelten sich daraus unterschiedliche Sichtweisen und Zugänge im Verständnis der Sakramente, des Amtes, der Kirche, der Schrift, der Tradition und der Ethik. Die Spaltung der Kirche nahm ihren Lauf und dauert bis heute.

An diesem Ausgangspunkt, an dem Streit um die Rechtfertigung, setzte der theologische Dialog der Gegenwart an, er führte zum Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre. Sekundäre Unterschiede bleiben und werden im Dokument deutlich ausgesprochen, aber angesichts des Grundkonsenses werden sie "tragbar" und sind nicht mehr als Trennungsgründe zwischen den Kirchen zu verstehen.

Die gemeinsame Erklärung ist gewiss primär die Sache der Theologen. Sie geht aber auch uns evangelische und katholische Christen an der Basis an. Sie stärkt nämlich unsere geistige Einheit, sie führt uns alle gemeinsam hin zu Christus und erinnert uns daran, dass wir alle, katholisch und evangelisch, uns in der selben Ausgangsposition vor Gott befinden, dass keiner von uns etwas vorzuweisen hat oder braucht, dass wir sozusagen in dem selben Boot fahren und das selbe Heil erwarten. Jedem von uns gilt die Zusage, dass Gott mich ohne Wenn und Aber akzeptiert. Eine solche Zusage macht mich frei davon, mich ständig beweisen zu müssen, auf Kosten anderer zu leben und die eigenen Sorgen wichtiger zu nehmen als die der anderen. Weil ich mich in Gott gehalten und aufgehoben weiß, weil mein Leben ohne alle persönliche Vor-Leistung sinnvoll ist, brauche ich nicht, wie viele meiner Zeitgenossen, mich selbst zu rechtfertigen und aus dieser Selbstrechtfertigung mein Selbstwertgefühl abzuleiten. Ich bin in den Augen Gottes "in Ordnung", gerechtfertigt – das befreit zu einem mitmenschlichen Leben, das befreit auch zu den Werken der Liebe, denn der Glaube wird in Liebe tätig. Deshalb "kann und darf der Christ nicht ohne Werke bleiben." (Nr. 25). "Wir bekennen gemeinsam, dass gute Werke – ein christliches Leben in Glaube, Hoffnung und Liebe – der Rechtfertigung folgen und Früchte der Rechtfertigung sind" (Nr. 37).

Wenn jeder von uns, evangelisch und katholisch, diese befreiende Gemeinschaft mit Gott findet, wenn ein Katholik und ein Protestant in dem Bewusstsein lebt, von Gott "gratis", unverdient, geliebt zu werden, kann die Einheit der Kirchen voranschreiten. Wir entdecken dann in dem uns von Gott geschenkten Heil eine gemeinsame Quelle, aus der für uns das Wasser des Lebens fließt. Aus dieser Quelle können wir gemeinsam Kraft schöpfen selbst christlich zu leben und die christliche Botschaft für den heutigen Menschen lebendig werden zu lassen.

Was heute unterschrieben wird, ist das Resultat eines langen Weges und eines mühsam gefundenen Konsenses. Das Vorhaben drohte mehrmals zu kippen auf Grund von Widerständen beider Seiten. Als im Juli 1998 der Konsultationsprozess abgeschlossen war und das Dokument unterschriftsreif war, meinte der Vatikan noch zwei Fragen klären und zwei Noten hinzufügen zu müssen. Damit war offen, ob das Dokument angenommen würde oder nicht. Auf der evangelischen Seite häufen sich bis heute Proteste gegen das Dokument, wie die Stellungnahme von 240 evangelischen Hochschullehrern letzte Woche, die eine Umdeutung des evangelischen Bekenntnisses im katholischen Sinne befürchten.

Ich meine, wir müssen uns hier die Grundsatzfrage stellen: wollen wir alle eins sein, wie Jesus gebetet hat und die Einheit in Verschiedenheit bilden? Oder wollen wir weiter Haarspalterei betreiben und vor der Welt den Skandal der Trennung erhalten? Das kann doch kein Ausverkauf der eigenen Identität sein, wenn wir gemeinsam nach der biblischen Botschaft der Rechtfertigung suchen. Oder?

Die Wahl Augsburgs, eines für den Protestantismus historischen Ortes, für die Unterzeichnung der Erklärung ist symbolisch. Dort hatte Melanchton im Jahre 1530 für die Lutheraner auf dem Reichstag eine Bekenntnisschrift vorgelegt, die seitdem den Namen "Augsburgisches Bekenntnis" trägt und die bestimmend war für den Fortgang der Reformation und für das Selbstverständnis der lutherischen Christen. Heute im Jahr 1999 wird an diesem historischen Ort eine "augsburgische" Erklärung unterzeichnet, von der wir uns wünschen, dass sie bestimmend wird für den Fortgang der Ökumene und für das Selbstverständnis aller Christen. Ein Dokument wie dieses nährt die Hoffnung, dass die sichtbare Einheit der Kirchen doch möglich ist. Schade, dass sie nicht mehr im selben Jahrtausend erreicht wird, in dem sich die Kirchen spalteten. Amen.

 



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Last updated 04.12.07