Predigten 2000


Mit Jesus durch das Labyrinth des Lebens

Predigt von Pfarrer Lukasz, Sonntag, 28. Mai 2000

"Aus dieser Situation sehe ich keinen Ausweg. Ich sehe schwarz." – so sagen wir, wenn wir das Gefühl haben, in einer Sackgasse zu stecken. Man probiert es auf diesem oder jenem Weg, aber keiner von ihnen führt weiter. Desto größer ist die Freude, wenn sich dann doch ein Weiterweg findet und dem Leben wieder eine Zukunft eröffnet. Diese Erfahrung, in einer Sackgasse zu stecken und von hier nach einem Ausweg zu suchen, können wir als eine Art Labyrintherfahrung bezeichnen.

Ein großes buntes Gemälde mit einem Labyrinth hängt in diesen Tagen als Altarbild in unserer Kirche. Es fällt jedem Besucher sofort auf. Was bedeutet dieses Labyrinth? Dieses Bild wurde speziell für die Feier der Erstkommunion vor einer Woche gemalt. Ausgehend von diesem Bild wollten wir den Kindern, ihren Eltern und den Besuchern des Kommunion-Gottesdienstes anschaulich erzählen, dass Jesus unser Weg ist. Ich finde persönlich das Bild gut gelungen und deshalb möchte ich Sie heute nochmals zur Betrachtung dieses Labyrinths einladen.

Die ältesten Labyrinthe

Die Figur des Labyrinths begegnet uns in vielen mittelalterlichen Kirchen und ist ursprünglich kein christliches Bild. Im Gegenteil, das Labyrinth gehört zu den Urbildern der Menschheit. Dies wird durch seine Verbreitung bezeugt: labyrinth-förmige Zeichnungen und Bauten finden sich voneinander unabhängig in vielen alten Kulturen, wie z.B. auf Kreta, in Ägypten, in Indien, auf Sumatra oder bei den Hopi-Indianern in den USA. Die ältesten Funde gehen auf etwa 5000 Jahre zurück.

Der Name Labyrinth kommt zum ersten Mal im griechischen Mythos vor und bezeichnet hier das Gefängnis, das der König Minos in seinem Palast in Knossos auf Kreta für den Stier Minotaurus bauen ließ. In weitläufigen Palastruinen, die heute noch dort zu sehen sind, glaubte man, dieses Labyrinth zu erkennen. Es handelt sich um einen unübersichtlichen Baukomplex, in dessen Sackgassen und Irrwegen man sich rettungslos verirren kann.

Dieses Labyrinth von Knossos war in der Antike so berühmt, dass es auch auf kretischen Münzen des 5. und 4. Jhs. vor Chr. abgebildet wurde. Auf den Münzen dieser Zeit und in den bildlichen Darstellungen der folgenden Jahrhunderte erscheint das unübersichtliche Gangsystem des Minospalastes in geometrischen Formen. Die Wege sind in einem Quadrat oder Kreis konzentrisch angeordnet. Aus dem chaotischen Durcheinander von verschiedenen Gängen entsteht ein gegliedertes Gangsystem, in dem es nur einen einzigen Weg gibt, der durch viele Ecken und Kurven in die Mitte des Bildes führt.

Die Römer schmückten mit Labyrinthdarstellungen viele ihrer Fußbodenmosaiken. Die Mitte des Labyrinths ist hier durch ihre Größe hervorgehoben und in ihr befinden sich häufig Tier- und Menschenbilder des Mythos. Diese Labyrinthmosaiken können bis zu 7 bis 8 Meter groß sein, sind rund oder quadratisch, aber auch sechs- oder achteckig.

Christliche Labyrinthe

Die Labyrinthfigur war vom frühen Mittelalter bis zur Erfindung des Buchdrucks auch ein beliebtes Schmuckelement in Handschriften. Dabei spielt die Bildmitte, die vom geordneten Gangsystem ausgespart ist, eine größere Rolle. Sie kann Zeichnungen mit kosmologischen Motiven enthalten oder leer bleiben. Zu dieser Zeit wurden die Labyrinthmotive von der christlichen Literatur übernommen und die mittleren Bildfelder mit christlichen Inhalten ausgefüllt. So kann z.B. das Labyrinth eine Art von christlichem Kalender sein: Die Bildmitte stellt dann das Osterfest als das zentrale Fest des Christentums dar und der lange Weg andere christliche Feste.

Die bekanntesten christlichen Labyrinthe befinden sich in den imposanten Kirchenbauten des Mittelalters. Es handelt sich um große Fußbodenmosaiken. Die gewaltigen gotischen Kathedralen wie Chartres und Amiens bezeugen bis heute die Verbreitung des Labyrinthmotivs. Das Kirchenlabyrinth von Chartres ist das größte und das bekannteste. Es ist rund, hat ca. 13 m Durchmesser und befindet sich in der Mitte des Hauptschiffes der Kathedrale – auch heute ist es nicht zu übersehen.

Der Vielfalt der geometrischen Formen der Kirchenlabyrinthe entspricht auch die Vielfalt ihrer Deutungen. Während einige einfach das Genie des Baumeisters rühmen, enthalten andere religiöse Motive. Dargestellt sind beispielsweise der Weg des Pilgers nach Jerusalem (in den Zwickeln wurden die Städte dargestellt, die der Pilger berührt), oder der Weg des Menschen in die Kirche, oder der Weg des Gläubigen in den Himmel. Großangelegte Fußbodenlabyrinthe werden auch als Umgangs-Labyrinthe bezeichnet: Sie dienten den Pilgern als der reinigende Bußgang, bevor sie sich dem Altar näherten.

Unser Labyrinth

Vor diesem historischen Hintergrund betrachten wir jetzt unser Gemälde. Wir sehen hier einen sich windenden Weg mit vielen Bögen. Wenn wir uns aber Zeit nehmen, den Weg im Bild zu gehen, werden wir feststellen, dass dieser kurvige Weg in die Mitte führt. Er ist kreuzungsfrei, er führt wiederholt am erstrebten Zentrum vorbei, aber wenn man ihn bis zum Ende geht, mündet er endlich doch ins Zentrum. Die Figur des Kreuzes im äußeren Bereich wie auch in der Mitte weist auf Christus hin. Die Inschrift am Eingang des Weges "Ich bin der Weg" gibt die Worte Jesu an den unwissenden Thomas wieder (Joh 14,6).

"Labyrinth" von Frau Brinkmann und Frau Striegel, Mai 2000

Jesus als der Weg durch das Labyrinth des Lebens – so würde ich dieses Labyrinth deuten. Jesus ist unser Weg zum Vater. Er führt uns oft über die kurvigen Strassen, mal näher, mal ferner vom Zentrum, aber sicher zu Gott hin. Die Einladung, diesen Weg mit Jesus zu gehen, spricht der breite Eingang: Kommt und geht mit, "ich bin der Weg".

Wir bleiben jetzt noch eine Weile in Stille und betrachten das Bild: Jeder von uns kann sich dabei denken: wie wirkt dieses Labyrinth auf mich, was sagt mir dieses Bild. Was bedeutet es für mich, dass Jesus mein Weg durch das Labyrinth des Lebens ist.

Frau Brinkmann und Frau Striegel herzlichen Dank für den Entwurf und die Ausführung dieses Gemäldes. Dieses Labyrinth ist keine Kopie. Es ist eine eigene Schöpfung. Das Bild wird später in unserem Pfarrsaal als Wandbild hängen, als Gegenstück zum Bild "Ich bin das Licht", das unter Mitwirkung der Kommunionkinder des Jahres 1999 entstanden ist.



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Last updated 04.12.07