Predigten 1999

 

Weihnachten 1999


Fit für 2000 ?

Predigt von Pfarrer Lukasz zu Weihnachten 1999 in St. Albertus Magnus

Liebe Mitchristen,

unsere High-Tech-Gesellschaft hat's dieses Mal echt erwischt. Die Frage: Wie wir den Jahrtausendwechsel überstehen – bleibt eine Woche vor dem neuen Datum unbeantwortet. Was sich um Mitternacht in den Computern abspielen wird und welche Folgen es haben kann ist ungewiss. Telefone, Satelliten, Steuerungs- und Navigationssysteme, Internetprovider stehen auf wackeligen Beinen. Stürzt uns der Datumswechsel auch in das Heizungs-, Strom- und Wasser-Chaos? Vorsichtsmaßnamen werden getroffen, um die möglichen Schäden gering zu halten. Die Bahn, die U- und S-Bahnen halten für 10 Minuten an, um nichts zu riskieren. Und das, obwohl das Problem schon seit Jahren bekannt ist und Millionen bereits von Firmen investiert wurden, um ihre Computer für das Jahr 2000 fit zu machen. Trotzdem besteht eine Unsicherheit und Ungewissheit, ob das neue Datum elektronisch problemlos erkannt und umgesetzt werden kann.

Ich persönlich hoffe, dass nichts passieren wird und dass die Freude über den Jahrtausendwechsel von keinen derartigen technischen Problemen getrübt wird. Die Frage des Fit-seins für das Jahr 2000 möchte ich trotzdem heute Nacht stellen. Mich interessiert in diesem Zusammenhang besonders, ob wir Menschen, ob wir Christen für den Jahrtausendwechsel fit sind? Sind Sie, liebe Mitchristen, Jahr-2000-fähig? Haben Sie sich bereits geistig umrüsten lassen? Erkennt Ihr Betriebssystem das neue Datum? Haben Sie persönlich schon einiges in die Umstellung auf 2000 investiert?

Trotz aller bekannten Ungenauigkeiten unseres Kalenders ist das Jahr 2000 für uns Christen ein einmaliges Datum und damit alles gut läuft, müssen wir Christen für das Jahr 2000 gerüstet sein. Nicht nur die Computer überschreiten eine wichtige, bis jetzt unbekannte Zeitgrenze. Auch die Menschheit tritt ein in einen neuen Abschnitt der Geschichte. Was wird aus uns werden? – fragen wird uns. Vieles wird sich ändern. Das 21. Jh. wird nicht so sein wie das zu Ende gehende 20. Jh. Es wird vieles nicht mehr so sein wie es bis jetzt war. Was aus uns wird ist ungewiss. Etwas ist in den letzten Jahren zu Ende gegangen. Der kommende Jahrtausendwechsel ist deshalb mehr als ein Zahlenspiel. Die Welt wird anders. Die Nachkriegsordnung in Europa wurde aufgehoben. Die Herrschaftszonen werden neu verteilt. Die Ausdehnung der NATO nach Osteuropa, die geplante Erweiterung der EU um zehn weitere Staaten – künden eine neue Epoche in der Geschichte Europas an. Die Ereignisse der letzten Jahre markieren deutlich: eine vertraute Ordnung ist zu Ende gegangen. Was wird aus uns werden? Wird es mehr oder weniger Sicherheit geben, gelingt es, einen verlässlichen Frieden zu etablieren, oder müssen wir weiter mit balkanähnlichen Kriegen rechnen? Was werden Russland und China mit ihren Atomwaffenarsenalen machen? Was wird aus uns werden? Noch immer gibt es Bedrängnis und Not und Verfolgung, Hunger und Kälte, Todesgefahren und Gewalt. Der Entwicklungs- und Wachstumsoptimismus steht gegen den Pessimismus der Erfahrung. Ein Historiker beschließt sein Buch über das zu Ende gehende Jahrhundert mit folgenden Sätzen:

"Wir wissen nicht, wohin wir gehen. Doch eines steht völlig außer Frage: Wenn die Menschheit eine erkennbare Zukunft haben soll, dann kann sie nicht darin bestehen, dass wir die Vergangenheit oder Gegenwart lediglich fortschreiben. Wenn wir versuchen, das dritte Jahrtausend auf dieser Grundlage aufzubauen, werden wir scheitern. Und der Preis für dieses Scheitern ist Finsternis".

Die Zukunft der Welt, auch die Zukunft der Kirche, kann nicht darin bestehen, dass die Vergangenheit fortgeschrieben wird. Nicht das Festhalten am Status quo, noch weniger die Sehnsucht nach einer vermeintlich heilen Vergangenheit, können den sicheren Weg in die Zukunft bahnen. Schon die Römer haben gesagt: Tempora mutantur et nos mutamur in illis: - Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit ihnen. Wer konnte noch vor 100 Jahren wissen, was im 20. Jh. in Europa, in der Welt passieren würde, in welche Richtung sich die Menschheit und die Technik entwickeln werden, wie die Welt und Europa am Ende von 1999 aussehen werden? Die Geschichte, das Leben ist wie ein Fluss, der immer neuen Ufern begegnet und sie passieren muss. So wird auch weiter die Zeit fließen, unsere Welt wird sich weiter entwickeln, in eine Richtung, die keiner von uns heute kennt. Für diese ungewisse Entwicklung, die zum großen Teil von den Menschen selbst gesteuert wird, für die Begegnungen mit den unbekannten Ufern, für die Herausforderungen der neuen Zeitepoche müssen wir Christen fit und fähig werden.

Wie aber können wir uns fit machen? Wer kann unserem Planeten und unserem Leben eine unzerstörbare Zukunft öffnen?

Einen Hinweis bekommen wir Christen in dieser Heiligen Nacht aus Rom. Es geht um eine zeichenhafte Handlung, die dort vorgenommen wird. In dieser Heiligen Nacht wird die fünfte von fünf Pforten der Petersbasilika, die immer eingemauert ist, vom Papst feierlich geöffnet. Es ist die so genannte Heilige Pforte, die nur bei christlichen Jubiläen geöffnet wird. Wenn das heute Nacht geschieht, bedeutet das: Das Große Jubiläum des Jahres 2000 kann beginnen. Das Jahr 2000 wurde von der Kirche zum Heiligen Jahr und zum Jubeljahr erklärt. Die größte Basilika der Christenheit öffnet alle ihre Türen und lädt die Menschen ein: "Öffnet die Tür!" Wir sind eingeladen, die Tür unseres Herzens für Gott zu öffnen. Wir sind eingeladen zur Umkehr des Herzens, zu mehr Glaube, zu mehr Liebe und zu mehr Hoffnung. Wir sind eingeladen zur geistigen Erneuerung und zu einem überzeugten Christsein.

Nehmen wir diese Gelegenheit wahr. Das Heilige Jahr ist überall, Sie brauchen nicht nach Betlehem, Jerusalem oder Rom zu pilgern. Machen Sie dort, wo Sie sind, das Jahr 2000 zum Fest Ihres Glaubens, zum Jahr der Gottestreue, zu einem Jahr der größeren Christus- und Kirchenverbundenheit. Es ist wunderbar, dass es für uns Christen nach dem aufregenden Silvester noch das ganze Jahr 2000 gibt, als Jahr des Jubels und der Freude. Wenn das Silvesterfieber vorbei ist und viele vom grauen Alltag wieder überwältigt werden, können wir Christen uns gelassen dem großen Jubiläum widmen. Wir danken Gott für 2000 Gnadenjahre und wir werden versuchen, uns für die Zukunft aufzurüsten, zukunftsfähig zu werden. Wir werden versuchen, eine feste, dauerhafte Basis in uns zu legen, auf der wir weiterbauen können.

Beim Eintritt in das 3. Jahrtausend werden viele Feuer entzündet werden. Viele von diesen Feuern sind nur Strohfeuer. Sie gehen schnell von selbst aus. Uns Christen dagegen geht es beim Jahr 2000 darum, das dauerhafte Feuer des Glaubens und der Liebe zu entzünden, das wahre Licht, das die Menschen erleuchtet. Deshalb gilt an der Schwelle zum Heiligen Jahr 2000: "Öffnet die Tür für Christus". Mit diesem Ruf hat Johannes Paul II am Beginn seines Pontifikats vor 20 Jahren die größte friedliche Revolution des 20. Jh. im geteilten Europa eingeleitet. Ohne diesen Ruf und seine Folgen wäre die Berliner Mauer bis heute gestanden. Deshalb gilt auch für die Zukunft: öffnet eure Türen für Christus, für den in Betlehem Mensch gewordenen Erlöser, für unseren Herrn und Bruder, für den Fürsten des Friedens.

Es steht außer Frage: das Christentum hat in den zweitausend Jahren seines Bestehens die Weltgeschichte geprägt. Es war nicht immer eine Erfolgsgeschichte. Am Maßstab der Botschaft Christi gemessen steht neben den Erfolgen auch mehrmaliges Scheitern. Dennoch, die Welt wäre ärmer, wenn es das Christentum nicht gäbe. Die für das Überleben der Menschheit unverzichtbaren Forderungen nach Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung haben ihre Wurzeln in der christlichen Deutung von Welt und Mensch. Diese Werte dürfen den folgenden Generationen nicht vorenthalten werden. Unsere christliche Verantwortung besteht darin, die Botschaft Christi durch Vorleben und Weitererzählen ins nächste Jahrhundert hineinzutragen.

Unser Ursprung und die Quelle unseres Christseins ist Jesus Christus. Er soll im ZentrumLogo AD 2000 des Jahres 2000 stehen. Damit wir uns nicht verzetteln und uns auf das Wesentliche konzentrieren, hat die katholische Kirche ein Emblem, ein Logo, entworfen, das wir uns bei allen Feierlichkeiten vor Augen halten sollten. Ein farbenfrohes Logo lädt die Weltkirche ein, das Jahr 2000 als ein christliches Datum zu feiern. Ich möchte Ihnen heute einen Aufkleber mit diesem Logo schenken.

Unsere Erde, der blaue Planet, wird von einer leuchtend blauen Scheibe dargestellt, auf der sich fünf Tauben harmonisch ineinander fügen. Die fünf Tauben, in den olympischen Farben, stehen für die fünf bewohnten Kontinente der Erde: gelb für Asien, grün für Australien, schwarz/grau für Afrika, rot für Amerika, blau für Europa. Die Tauben sind ein Symbol für den Heiligen Geist und ein Friedenszeichen: Gottes Geist führt die Völker in Frieden zusammen. Das Kreuz nimmt die Farben der Menschheitsfamilie auf und weist über diese Welt hinaus. Mitten in der Welt strahlt aus dem Kreuz das Licht Christi auf.

Das Wort des Hebräerbriefes (13,8) "Christus heri, hodie, semper" - "Christus gestern - heute - in Ewigkeit" ist das Motto der Weltkirche für das Jahr 2000. Das Datum, A.D. 2000, ist durch dieses Zitat theologisch gedeutet: Die Zeit ist von Gott bestimmt, Christus ist in der Zeit lebendig und begegnet den Menschen.

Diesem Christus, der seit 2000 Jahren mit Millionen von Menschen die Wege des Lebens gegangen ist, möchten wir uns selbst, unsere Kirche, unsere Welt und ihre Zukunft anvertrauen. Sein ist die Zeit. Möge seine Stimme von vielen gehört werden, möge er die schlafenden Christen zum Leben erwecken, möge er uns alle, Sie alle, im Heiligen Jahr erneuern, Ihren Glauben stärken und Ihr Christsein authentischer machen. Das Weihnachtsfest dieses Jahres sei nur der Beginn der Freude und der Gnade für Sie, für Ihre Familien, der Anfang der Freude und der Gnade, die das neue Jahr vermehren möge. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein frohes und gnadenreiches Weihnachtsfest und:

Machen Sie sich fit für 2000! 



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Last updated 04.12.07