Predigten 2000


Weihnachten mit Qualität

Predigt von Pfarrer Lukasz
in der Christmette, Weihnachten 2000


Ist das alles Weihnachten?

Wenn man den gängigen Sprachgebrauch ernst nehmen würde, dann müsste man feststellen, dass Weihnachten hier zu Lande von vielen bereits gefeiert wurde, schon längst vor dem 25. Dezember. Die so genannten Weihnachtsfeiern gehören zur Tradition in Firmen, Vereinen und Gruppen. Sie können nett sein, sie sind wichtig für das Betriebsklima, aber mit Weihnachten haben sie – wie Sie selbst gut wissen - nur den Namen gemeinsam. Einem Bekannten habe ich gesagt, ob er in der Firma darauf aufmerksam machen könnte, dass es sich hier höchstens um eine Adventsfeier handelt - wenn man schon bei der kirchlichen Sprache unbedingt bleiben will – und dass Weihnachten erst am 25.12. gefeiert wird. Es hat keinen Sinn darüber zu sprechen – sagte er - weil viele bei uns aus den neuen Bundesländern kommen und kaum Ahnung haben, was christliche Weihnacht ist. Das wird auch wohl gelten für nicht wenige, die in den alten Bundesländern geboren sind. Mir wird jedes Mal übel, wenn ich Redewendungen höre wie: "Wir feiern heute in der Arbeit Weihnachten" oder "Ich bin heute müde, weil wir gestern in der Firma Weihnachten gefeiert haben". Wie arm wird Weihnachten, wenn es nur auf diese Weise gefeiert wird, wenn es nur aus Glühwein und Plätzchen besteht? Wie arm muss auch Weihnachten sein, wenn der Heilige Abend nur aus leuchtendem Christbaum, Geschenken und Essen besteht?

Liturgisches Feiern

Ihre Anwesenheit hier ist ein Zeichen dafür, dass Sie Weihnachten in seinem ureigensten Sinne feiern möchten und dass Sie der Überzeugung sind, dass echtes Weihnachten nur in der Kirche gefeiert werden kann. Hier in unserer festlichen Liturgie bekommt das Fest den Rang, den Inhalt und die Qualität, die ihm gebührt.

Wenn wir in dieser heiligen Nacht hier zusammen kommen und die Geburt Christi feiern, dann geht es nicht darum, dass wir an dieses historische Ereignis vor 2000 Jahren nur denken, dass wir uns nur daran erinnern, so wie man sich z.B. an den ersten Schultag erinnert. Eine liturgische Erinnerung bedeutet, dass dieses Ereignis unter uns vergegenwärtigt wird, dass das, was in der Vergangenheit liegt, auf einmal unter uns anwesend wird, und dass wir selbst in das Geschehen miteinbezogen werden – sicher mit unseren Gedanken aber auch mit unseren Gefühlen und mit unserer Lebensgeschichte.

Jesuskind in der Krippe von St. Albertus Magnus

Aus den unbeteiligten Beobachtern werden wir in unserer Weihnachtsfeier zu Zeugen und Empfängern des Geschehens.

Die Botschaft von der Geburt Christi, die aus der Bibel proklamiert wird, und die weiterklingt in unseren schönen Weihnachtsliedern, das eucharistische Mahl, das uns mit Christus verbindet, macht die Geburt Christi unter uns präsent. Wir werden geistig eingebunden in die Schar der Hirten, wir eilen mit ihnen zur Grotte, um das Kind "mit dem Herzen zu sehen" und die Gottesnähe in uns selbst zu empfangen. Jesus selbst wird uns berühren und jeden von uns in die Gemeinschaft mit sich aufnehmen. Wir werden in der Weihnachtsliturgie zu Teilnehmern an dem, was damals in Bethlehem geschehen ist, und zwar im gleichen Maße, als wenn wir damals bei dem Ereignis selbst dabei gewesen wären.

Der Friede von Bethlehem

Was haben Menschen damals in Bethlehem erfahren? Was wird uns heute zu teil? Sie haben Freude erfahren: "Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude" (Lk 2,10) – sagte der Engel zu den geängstigten Hirten. Und sie haben Frieden erfahren: "Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede den Menschen, die er liebt." (2,14) – sangen die Engel über der Krippe. Diese beiden Bethlehem-Gaben: Friede und Freude, werden auch uns in der Liturgie der heutigen Nacht geschenkt. Die Freude teilt sich uns schneller mit: die Stimmung dieser besonderen Nacht in unserem Gotteshaus, die Botschaft des Evangeliums, unsere schönen Weihnachtslieder – all das strahlt die Freude aus, die auf uns überspringt. Etwas langsamer kommt zu uns der Frieden - wir müssen ihm ein bisschen nachhelfen, uns mehr für diese Gabe öffnen, damit der Frieden in unsere Herzen eingegossen werden kann.

Wie stark die Friedensbotschaft von Bethlehem auch heute sein kann, wie wirksam der biblische Frieden, konnte die ganze Welt in diesem Heiligen Jahr beobachten als Johannes Paul II. im März das Heilige Land besucht hat und vor der Geburtsbasilika in Bethlehem Israelis und Palästinenser zum friedlichen Miteinander aufgerufen hat. Beide Seiten waren damals gleichsam von der Friedensbotschaft betroffen, sie waren mit Hoffnung erfüllt, dass jetzt endlich der ersehnte Frieden und Gerechtigkeit im Heiligen Land möglich werden. Auf dieser Welle des Friedenswillens kam es dann zu den Verhandlungen in Camp David, die leider – auf Grund der Unnachgiebigkeit der Politik – gescheitert sind. Der Traum vom Frieden, vom Schalom in der Heimat Jesu zerplatzte und die wieder eingekehrte Aussichtslosigkeit kostete bis heute einige Hunderte von Toten. Leider ist heute Nacht Bethlehem, der Ort, wo die Engel den Menschen Frieden verkündet haben, keine Stadt des Friedens. Die Menschen haben nicht gelernt, mit Gottes Gaben verantwortungsvoll umzugehen.

Frieden in den Familien

Nicht nur dem Heiligen Land und vielen anderen Teilen der Welt fehlt 2000 Jahre nach der Geburt Christi immer noch der Frieden von Bethlehem. Wenn wir uns hier zu Lande umsehen, werden wir schnell feststellen, dass es auch bei uns in vielen Bereichen sehr unfriedlich zugeht. Was am meisten schmerzt, das ist der Unfrieden in vielen Familien, die auseinander fallen, das sind die Kinder, die nach der Scheidung mit einem Elternteil aufwachsen müssen, oder dann mit einem fremden Vater oder einer fremden Mutter. Das Heilige Jahr 2000 wird die Scheidungsraten nicht mindern können. Neue Entscheidungen, sich zu trennen oder scheiden zu lassen, werden gerade jetzt an Weihnachten fallen – das belegt die Statistik für jedes Weihnachtsfest. Ohne Familien, die in der Liebe stark sind, kann es keinen Frieden unter den Menschen geben. Wir als Kirche können uns nicht oft genug für den Zusammenhalt der Familien einsetzen, ihre Anliegen zur Sprache bringen, zur Verantwortung füreinander und für die Kinder ermahnen. Die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, die jetzt praktisch als Familie gelten dürfen, werden sicher das schlechte Familienbild nicht retten können und die Scheidungsraten nicht aufhalten. Die Verwässerung der traditionellen Werte tut den Familien keinen Gefallen. Wir Christen müssen zu dem stehen, was erprobt ist, was sich in zwei Jahrtausenden des Christentums bewährt hat. Das Christentum hat gute Rezepte in der Hand für das glückliche Miteinander, für glückliche Familien. - In kaum einem anderen gesellschaftlichen Kreis gibt es so viele gut funktionierende Familien wie unter den praktizierenden Christen. - Junge Leute müssten vielleicht diese Rezepte besser kennen lernen. Das Christentum ist eine erprobte Gebrauchsanweisung für das Leben, auch für das der Familien.

Öffnen wir an diesem Weihnachten unsere Familien und unsere Häuser für die Gabe des Friedens. Väter, Mütter, Großeltern, Kinder und Enkelkinder lassen sich ein friedvolles Herz von Gott schenken. Feiern wir diese Liturgie so intensiv, dass wir noch mehr Menschen des friedlichen Miteinanders und Füreinanders werden, dass wir noch mehr friedensliebende und friedensstiftende Menschen werden, dass diese Welt um ein kleines Stückchen besser wird.

Ein verstärktes Selbstbewusstsein

Wir danken Gott heute, dass er Menschen durch Jesus seit 2000 Jahren bejaht, ermutigt, dass er das Gute in uns stärkt und uns zur selbstlosen Liebe befähigt. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend brauchen wir Christen ein verstärktes Selbstbewusstsein: Wir haben die Botschaft Christi und wir haben gute Lösungen für viele Probleme, die den Menschen zu schaffen machen. In diesem Jubiläumsjahr 2000 sind uns viele Dinge bewusster geworden und wir haben einiges für die Zukunft gelernt. Drei Aspekte erscheinen mir hier wichtig.

Erstens: Es ist uns bewusster geworden, das wir als Kirche 2000 Jahre alt sind - wie kaum eine andere Institution auf der Welt. Dieses Alter bedeutet auch eine größere Weisheit. Die Kirche hat in diesem Jahr manche Fehler der Vergangenheit eingesehen. Wir haben Gott und Mitmenschen um Vergebung gebeten. Es war wie eine Reinigung. Wir haben aus den Fehlern gelernt, wir verstehen jetzt das Evangelium besser und wir sind – bin ich überzeugt - eine bessere Kirche geworden.

Zweitens: Es ist uns bewusster geworden, dass die katholische Kirche ein – wie man heute sagt – Global Player ist. Wir sind stolz, dass wir eine weltumfassende Kirche sind, dass unserer Kirche etwa 1,2 Milliarden Menschen auf allen Kontinenten angehören und dass wir die größte Weltreligionsgemeinschaft sind. Diese Blickweite, diese Weltweite hält uns davon ab, unsere eigenen Probleme und Fragestellungen zu sehr zuzuspitzen. Wir sind eben nur ein Teil der Weltkirche.

Drittens: Es ist uns auch bewusster geworden, dass wir im beginnenden neuen Jahrhundert unseren Blick nicht auf vorhandene Schwierigkeiten fixieren sollten. Zu lange haben wir uns nur damit beschäftigt die Kritik zu beantworten. Wir sollten uns vielmehr darum bemühen, ein neues christliches Selbstverständnis zu gewinnen - aus der Bibel, aus Gebet und Gottesdienst, aus den Schätzen der christlichen Spiritualität.

Die Welt, unser Land und unsere Gesellschaft brauchen authentische Christen mehr denn je, sie brauchen Menschen, die mit Gott stark sind. Wir wären heute mehr gebraucht als wir es sind, wenn wir selbstsicherer und selbstbewusster auftreten könnten. Bundespräsident Johannes Rau beklagte vor kurzem "ein unscharfes Profil der Kirchen". Den Christen fehle "verlässliche Erkennbarkeit". Die Christen bräuchten "einen verlässlichen Standpunkt im abendländischen Denken".

Weihnachten mit Qualität feiern

Nutzen wir, liebe Mitchristen, das Weihnachtsfest 2000 um unser eigenes Profil zu schärfen, um uns fit zu machen für die neuen Zeiten. Machen wir unsere christliche Identität transparenter, selbstsicherer und freudiger. Probieren wir es schon jetzt aus, an diesem Weihnachtsfest, indem wir das Religiöse mehr in den Vordergrund stellen. Zum Christbaum gehört in einer christlichen Familie auch die Krippe; zu den Familiengesprächen beim Festessen - nicht so sehr die BSE-Krise - sondern solche Themen wie Jesus, Kirche, Bibel, Pfarrgemeinde; zu den Fernsehprogrammen auch eine Sendung mit religiösem Inhalt. Es gehören dazu auch die Weihnachtslieder, die von Familienangehörigen gemeinsam gesungen werden.

Christliches Weihnachten reicht viel weiter als das Licht der Christbäume, als Geschenke und weihnachtliche Idylle. Gerade jetzt, wenn unzählige Weihnachtsfeiern und laute Weihnachtsparties zu Ende sind, wenn der Handel Kasse gemacht hat und die Weihnachtsdekoration abgebaut wird, können wir Christen echte Weihnachten feiern, als Fest der Freude, des Friedens, der Gottes- und Menschennähe.

Sie stehen bestimmt für Qualität im Leben: für Qualität im Berufsleben, in der Familie, in Freundschaften, für Qualität der Unterhaltung. Stehen Sie auch für die Qualität von Weihnachten!

Ich wünsche uns allen, dass das, was damals in Bethlehem geschah und was durch die Liturgie gegenwärtig und uns zu teil wird, uns mit Gottesnähe und seinem Frieden erfüllt, dass wir selbst erfahren, wie frohmachend und das Herz bereichernd die Botschaft ist, die uns aus der Grotte von Bethlehem auch heute erklingt.



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Last updated 04.12.07