Predigten 2000


Evangelisch oder Katholisch?

Predigt von Pfarrer Rhinow, ev. Michaelskirche Ottobrunn, zum Abschluss der Gebetswoche für die Einheit der Christen

Liebe Schwestern und Brüder in Christus! Liebe Gemeinde!

Zunächst vielen Dank, dass Sie mich eingeladen haben.

"Bin ich eigentlich evangelisch oder katholisch?"... mit dieser Frage überraschte uns unsere Tochter Annalena kurz nach ihrer Einschulung vor 2 1/2 Jahren, als sie zum Religionsunterricht erstmals von ihrer Freundin getrennt wurde. Und obwohl wir ihr, aus unserer Sicht, hinreichend Antwort gegeben hatten, kam die Frage anders formuliert immer wieder.

Im Sommerurlaub, vergangenes Jahr, beim Besichtigen alter Kathedralen in Chartres, Bourges und anderswo ... lautete sie: "Ist das jetzt eine katholische oder eine evangelische Kirche?" Manchmal war mir ihr Fragen lästig. Nicht weil mir die Hinweise und Argumente fehlten, weil ich in Erklärungsnotstand war. Eher, weil ich mich in dem Kirchenraum wohl gefühlt, weil ich die dichte Atmosphäre empfunden hatte - eine Verbundenheit mit Menschen, die hier seit Jahrhunderten ihren christlichen Glauben leben.

"Evangelisch oder Katholisch?" ... mir ist diese Frage nicht nur lästig, ... sie tut mir weh. Sie erinnert an eine Trennung, wo keine sein dürfte. Sie macht aufmerksam auf diesen Riss, der durch die christlichen Kirchen geht (Von der Trennung zur Ostkirche will ich an dieser Stelle gar nicht erst reden). Wir haben uns daran gewöhnt, weil wir es bis auf besondere Tage und Anlässe (wie heute) nicht anders kennen. Es gibt halt verschiedene Kirchen und Konfessionen. Und gelegentlich macht man halt etwas miteinander. Kinder aber fühlen diesen Bruch; fühlen, dass da etwas - im wörtlichen Sinne - "nicht in Ordnung" ist, dass da etwas faul ist. Sie folgen ihrem Herzen. Und sie sagen, was sie denken - frei und spontan. So sind Kinder. Das zeichnet sie auch aus. Nicht umsonst hat Jesus gesagt: "Lasst die Kinder zu mir kommen, denn Menschen, wie Ihnen gehört das Himmelreich" und: "wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder, werdet ihr nicht hineinkommen".

"Evangelisch oder Katholisch?"

Lassen Sie uns dieser Kinderfrage nachgehen, die ja - im übertragenen Sinne - so wenig eine Frage der Kinder ist. "Evangelisch oder Katholisch?" Hinter dieser Frage verbergen sich annähernd 500 Jahre schmerzvolle Kirchengeschichte. Hierfür wurden Bücher verbrannt, wurde disputiert und gestritten, wurden Kriege geführt. Fast ein halbes Jahrtausend lang.

Ganz am Anfang steht ein junger Mönch aus dem Orden der Augustinereremiten. Ein Reformer, wie viele andere seiner Zeit: Huß, Wycliff, Calvin, Zwingli, Bucer - wie sie alle heißen ... (und doch natürlich ein ganz besonderer, der zum richtigen Zeitpunkt da war) Martin Luther ist sein Name.

Er will zunächst keine neue Kirche gründen, kein neues Bekenntnis formulieren. Er will den Glauben auf seine Wurzeln zurückführen. "Ad fontes" lautet die Devise. Bis kurz vor seinem Tod trug er die Kutte seines Ordens und fühlte sich bis zuletzt auf dem Boden der alten Kirche stehend. Er wollte reformieren, erneuern, vom Evangelium her.

Exkurs: Deswegen nennen wir uns heute "evangelisch". Oder, wie die Schulkinder sagen: "Evangolen".

Für seine Sache (Gewissensfreiheit) protestierten 1529 auf dem Reichstag zu Speyer die evangelischen Fürsten. Weswegen man uns seitdem auch "Protestanten" nennt. Martin Luther steht am Anfang.

Und am Ende stehen: verschiedene Konfessionen, verschiedene Kirchen, verschiedene Traditionen; aber auch der Versuch wieder aufeinander zu zu gehen. Wir nennen es die ökumenische Bewegung. Will man das hier und heute verstehen, will man aufeinander zu gehen, will man sich annähern, muss man den Beginn der Auseinandersetzung verstehen. Dabei geht es nicht um Schuld, darum, wer angefangen, oder einen Fehler gemacht hat. Es geht ganz schlicht um Verstehen. Sich - und den anderen. Mit dem Verstehen beginnt jede Lösung. So ist das in allen Dingen, nicht nur in der Ökumene. Das gilt in jeder Partnerschaft, das gilt "in jeder Beziehung..."

Am Anfang steht die existenzielle Frage des jungen Martin Luthers: "Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Kann ich Gott durch religiöse Übungen wie Wallfahrten, Ablässe oder Gelübde gnädig stimmen?" Paulus hatte diese Frage schon einmal gestellt. Bei ihm hieß sie: "Wie werde ich vor Gott gerecht? Durch Glauben oder durch Werke des Gesetzes?" Das ist nicht unsere Sprache. Und das ist wohl auch nicht mehr unsere Frage. Wir würden heute vielleicht eher fragen:

"Ist das eigentlich ok, wie ich lebe? Und wenn nicht, ... wie kann ich als Christ in dieser modernen und komplexen Welt leben? Unter den Bedingungen von Globalisierung und Ökonomisierung. Und dabei: Authentisch und mit mir selbst im Reinen ... Wo ich weiß, dass jede Sekunde Menschen an Hunger sterben. Was kann ich tun? Wo beginnt meine Verantwortung und wo hört sie auf?" Vielleicht lautet sie auch so: "Brauche ich die Kirche, Institutionen, Ordnungen, um meinen Glauben zu leben? Ich kann Gott in der Natur, in der Schöpfung, viel unmittelbarer erleben." Oder sie lautet noch ganz anders ...?

Luthers Antwort: Der gnädige Gott

An diese Grundfrage, an die Frage nach dem rechten Verhältnis von Glaube und Werken, von Evangelium und Gesetz, von Freiheit und Verantwortung ... hatte sich Martin Luther am 31. Oktober 1517 mit dem Anschlag seiner Thesen rangemacht. Über sein Studium der Paulusbriefe, und der Schriften des Kirchenvaters Augustin hatte Luther entdeckt: Der Mensch braucht und kann Gott durch sein Handeln nicht gnädig stimmen, weil er in und durch Jesus bereits von Gott angenommen ist. Mit anderen Worten: Weil Gott den Menschen liebt, so wie er ist. Ein Gedanke, den wir oft hören, aber wohl nie in seiner Tiefe begreifen. Deshalb ist es immer wieder wichtig zu hören: ... Ich muss kein anderer sein, als der, der ich bin. Denn ich bin gewollt, so wie ich bin. Ich bin ein einzigartiger Gedanke Gottes, der so noch nie und nie wieder gedacht werden wird. Und: ich muss und kann dafür nichts tun. Das ist ein Geschenk. Wie mein ganzes Leben ein Geschenk ist: Das Glück, das ich erlebe, die Liebe, die ich spontan und frei spüre, meine Kinder, die Gesundheit, das Auskommen, jeder Tag, den ich auf dieser Welt lebe. Alles im Leben ist ein Geschenk. Dafür kann ich nichts tun. Ich muss es nur als Geschenk begreifen, annehmen. Und das ist Glauben. Darauf vertrauen, dass Gott mich annimmt, so wie ich bin. Dass mir alles im Leben von Gott geschenkt ist. Diesen Weg auf Gott zu hat uns Jesus gezeigt: In seinen Worten.

Ich denke nur an die Seligpreisungen. Zitat:

Selig sind die Friedensstifter; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.

Hier wird kein neues Gesetz errichtet. Hier werden keine Heiligen angesprochen, sondern Menschen wie Sie, Du und ich ... Wir sind selig, seliggepriesen ...

Und deutlich auch in seinen Taten. Wie er auf Menschen zuging; auf die Betrüger, Ehebrecher, Zöllner, Huren ...; wie er mit ihnen Gemeinschaft pflegte und in ihnen den Menschen und nicht den Sünder sah.

In der Sprache Luthers - eigentlich die Sprache der Bibel - heißt das: Der Mensch wird gerechtfertigt allein durch Glauben, nicht durch Werke des Gesetzes. Diese Erkenntnis, die jeder zu Hause in seiner Bibel nachlesen kann, hatte letztlich zur Reformation geführt, zur Spaltung der Kirchen, zur Entstehung eigener Traditionen, eigener theologischer Sprache und Identität. Und damit sind wir mittendrin im Hier und Heute. Das heißt eigentlich schon im Gestern. Denn genau an diesem Punkt hat die neueste Ökumenische Bewegung zu Recht angesetzt. Mit der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung ist man erstmals an den Beginn, an den Ausgangspunkt des Streites gegangen: Die Lehre von der Rechtfertigung. Und: Man ist vom Gemeinsamen und nicht vom Trennenden ausgegangen. Man hat versucht, einen Konsens zu formulieren. Das scheint mir auch der Weg in eine gemeinsame Zukunft zu sein. Die Andersartigkeit des Anderen zu akzeptieren. Auch hier ist es wie in einer Partnerschaft, einer Beziehung. Wir kommen nicht weiter, wenn wir das Trennende betonen. Nicht: "Ich verstehe dich nicht, wie du dazu kommst". Oder: "Du hast vielleicht bescheuerte Ansichten". Sondern: "Ich finde es eigentlich interessant, wie du denkst."

Das Stichwort heißt versöhnte Verschiedenheit.

Ich selbst habe diese Erfahrung gemacht: An der Basis spielt das alles keine Rolle. Und: man kann unheimlich viel voneinander lernen. Wir haben von euch gelernt, wie wichtig Tradition und Brauchtum ist. Und: Ihr habt von uns gelernt, die Bibel hochzuschätzen. Wir, nüchtern, wie wir sind, haben von euch gelernt, wie wichtig auch die emotionale Seite des Glaubens ist. Ich denke an Rituale, Farben und Formen. Und Ihr habt von uns gelernt, dass der Gottesdienst, die Predigt den Menschen mitten in seinem Leben ansprechen muss.

"Evangelisch oder Katholisch?" ... Wir sollten nicht die Unterschiede betonen und uns über Abgrenzungen definieren. Das ist eine der historisch bedingten Schwächen des Protestantismus, der ja als Reformbewegung und in Abgrenzung entstanden ist.

Im Blick auf das Gemeinsame liegt der Segen.

Im Brief an die Epheser wird das ganz schlicht so ausgedrückt: "Es ist ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. Es ist ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen (Eph 4,5-6). Diese Worte haben, etwas einfacher ausgedrückt, übrigens auch meine Tochter überzeugt ... Sollte die ökumenische Bewegung wirklich auf Dauer in Stillstand geraten ... unsere Kinder werden uns daran hindern.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.



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Last updated 04.12.07