Predigten 2000


Warum der Glaube Gemeinschaft und Kirche braucht

Predigt von Pfarrer Lukasz zum  Patroziniumsfest 2000


Die Botschaft gemeinsam aushalten

Das, was Jesus über Gott verkündet hat, das, was am Ostermorgen geschehen ist, dasPfarrerr Lukasz bei der Predigt am Patroziniumsfest 2000 kann der Mensch allein nicht aushalten. Die ungeheuere Botschaft von der grenzenlosen Zuwendung Gottes zu den Menschen und die Botschaft vom Leben, das über den Tod hinaus dauert, überfordert den Einzelnen. An diese Botschaft kann ich nur gemeinsam mit anderen glauben. Ich brauche die Anderen, die mir helfen, das Gewaltige und das Unfassbare an ihr anzunehmen, es durchzustehen und zur Entfaltung zu bringen.

So ging es schon den Zuhörern Jesu, so ging es der Urkirche in Jerusalem nach Ostern, so geht es den Gläubigen auch heute: Der Christ braucht um Christ zu sein eine Gemeinschaft aus Frauen und Männern, die gemeinsam glauben, die diese Zumutung des Glaubens mittragen. Gegen eine heute weit verbreitete Meinung muss man sagen: Es ist eine Illusion, dass man als Christ allein leben und allein den Glauben entfalten kann. Das Eingebundensein in eine Gemeinde von Gleichgesinnten ist notwendige Voraussetzung und Bedingung für einen reifen und ganzheitlichen Glauben.

Jesus und die Kirche

Die Jahreszahl 2000 geht zurück auf die Geburt Christi. Wir feiern 2000 Jahre Christentum und nicht 2000 Jahre Kirche. Trotzdem darf nicht übersehen werden, dass wir dieses Jubiläum ohne die Existenz der Kirche nicht feiern würden. Wir wären ohne Kirche auch keine Christen geworden. Ich möchte Sie deshalb heute einladen zu einigen Überlegungen über die Notwendigkeit der Gemeinschaft der Kirche für unser Christsein. Das Patroziniumsfest ist das Fest einer Gemeinde, die sich heute bemüht, an Gott und Jesus in der Gemeinschaft der Kirche zu glauben.

Bekannt ist der Satz des französischen Religionskritikers Alfred Loisy, der vor hundert Jahren behauptete: "Jesus hat das Evangelium verkündet, entstanden ist die Kirche". Er wollte damit sagen, dass die Kirche mehr oder weniger ein zufälliges geschichtliches Produkt ist, das von Jesus nicht beabsichtigt gewesen sei. Das Evangelium und die Kirche seien voneinander zu trennen. Was sagen wir zu dieser Kritik? Es ist klar, dass Jesus keine Institution Kirche gegründet hat, so wie man heute z.B. eine Organisation oder eine Partei gründet: Die Gründungsmitglieder kommen zusammen, stellen das Programm vor, unterschreiben es und der Tag der Unterschrift gilt als Gründungsdatum. So hat Jesus die Kirche nicht gegründet. Für die Gründung der Kirche gibt es kein genaues Datum – wir werden deshalb nie 2000 Jahre der Kirche feiern - nicht nur deshalb, weil wir kein genaues Gründungsdatum kennen, sondern auch deshalb, weil man die Kirche von Christus nicht trennen kann: Wo Jesus ist, dort ist auch die Kirche – sei es im Keim, sei es nur er selbst als ihr Fundament.

Glaube und Gemeinschaft in der Bibel

Die Schriften des Neuen Testaments zeigen deutlich auf, dass zum Glauben eine Gemeinschaft gehört. Der Glaube hat einen Gemeinschaft bildenden Charakter, d.h. die, die den Glauben annehmen, schließen sich zusammen und leben als eine Gruppe. Die Evangelien berichten übereinstimmend, dass sich um Jesus von Anfang an eine Gruppe von Zuhörern gebildet hat. Schon hier in der Gruppe der ersten Anhänger Jesu kann man den ältesten Kern der Kirche erblicken.

Wie sehr der Glaube eine Gemeinschaft sucht und braucht, sieht man am besten in den biblischen Berichten über die Auferstehung Christi. Zu erfahren, dass Jesus lebt, war für die ersten Betroffenen ein Schockerlebnis. Maria Magdalena und andere Frauen, die das leere Grab entdeckt haben, die Jünger, denen Jesus als der Lebende erschienen ist, kehren sofort dorthin zurück, wo die anderen versammelt waren. Dort werden sie aufgefangen. In dieser Gemeinschaft können sie die ungeheuere Botschaft durchstehen. Ohne ihren Rückhalt wäre es ihnen als Einzelnen nicht möglich gewesen an die Auferstehung zu glauben. So entsteht – gestärkt durch die Gabe des Heiligen Geistes an Pfingsten - die erste urchristliche Gemeinde, als eine Versammlung derer, die gemeinsam an die Auferstehung Christi glauben.

Die Apostelgeschichte berichtet gleich zweimal, wie die ersten Christen zusammenhalten, einmütig im Gebet, reich an Werken der Liebe, zusammengeschlossen in Christus, der im Wort und im Brotbrechen ihre Mitte ist. Keiner ist damals auf die Idee gekommen sich taufen zu lassen und dann aus dem Horizont zu verschwinden. Der Empfang der Taufe bedeutete gleichzeitig die Einbindung in die Gemeinschaft der Christusglaubenden.

Als Paulus die damalige Welt bereist und die Botschaft von Gott, der Jesus vom Tod gerettet hat und den Menschen das Tor zum Himmel geöffnet hat, mutig verkündet, gründet er aus den Getauften die Gemeinden, die auch sofort eine organisatorische Struktur bekommen. Paulus setzt durch die Handauflegung die "Ältesten" ein, die Verantwortlichen – was dieses Amt auch immer bedeutet: Bischöfe, Priester, Verwalter. Die Apostelgeschichte, die Paulusbriefe, und andere Schriften des Neuen Testaments geben ein unverkennbares Zeugnis davon, wie mit steigenden Zahlen der Bekehrten, auch die Zahl und die Größe der Gemeinden wächst.

Jesus hat sicher direkt keine Kirche gegründet, sie ist aber eine logische und notwendige Folge seiner Botschaft, sie ist eine geistige Heimat für alle, die sich der Botschaft Christi unterstellen, die sie pflegen wollen und ihr Leben nach ihr ausrichten.

"Ekklesia" und "Kirche"

Das neutestamentliche griechische Wort für die Kirche heißt: ekklesia. Dieses Wort stammt vom Verb ek-kaleo, was bedeutet "zusammen rufen". Die Kirche ist ihrem ureigensten Namen nach die Gemeinschaft der "Zusammengerufenen". Das Wort gibt den gleichen Gedanken der Versammlung weiter, der sich schon in der hebräischen Bibel befindet. Das hebräische Wort "Qehal" bezeichnet "das zum Gottesdienst feierlich aufgebotene Volk Israel". In der Versammlung zum Gottesdienst drückt sich das Volk Israel am besten aus.

Zusammengerufen zu werden um Gottesdienst zu feiern, ist auch die höchste Ausdrucksform der Kirche. Das 2. Vaticanum nennt die gemeinsame Eucharistiefeier am Sonntag "Ziel und Gipfel" im Leben der Kirche: das Ziel, weil alles, was unter der Woche geschieht, auf die Eucharistiefeier hin ausgerichtet ist. Die sonntägliche Eucharistiefeier wird dadurch zum Gipfel, zum Höhepunkt des Gemeindelebens.

Einen ähnlichen Gedanken beherbergt das germanische Wort "Kirche" (auch engl. "Church"). Es entstammt dem Griechischen: kyriake - was bedeutet: "zum Herrn gehörig". Kirche ist also eine Versammlung von Menschen, die "dem Herrn gehören". Wann kommt diese "Zugehörigkeit zum Herrn" besser zum Ausdruck, als wenn wir sonntags hier zusammenkommen und das Gedächtnis des Herrn begehen: "Deinen Tod o Herr verkünden wir, deine Auferstehung preisen wir bis du kommst in Herrlichkeit."

Gemeinschaft trägt und ermutigt

In dieser eucharistischen Gemeinschaft, in solcher sonntäglichen Versammlung ist es erst möglich, an Christus ungeteilt und vertrauensvoll zu glauben. Die Gemeinschaft trägt, die Gemeinschaft stärkt und ermutigt. Wir wissen: Unsere heutige Gesellschaft macht es uns besonders schwer zu glauben und als Christ zu leben. Viele Christen fühlen sich überfordert, viele geben den Glauben auf, oder leben ihn nur auswahlweise und nach Belieben, weil sie in keiner kirchlichen Gemeinde verwurzelt sind. Christen sind von Natur aus keine Einzelgänger und können als Singles nicht überleben. Christsein ist ohne Kirche auf Dauer nicht möglich. Zum Christsein gehört die Kirche wie die Luft zum Leben.

Es ist deshalb sehr wichtig, dass es an jedem Ort christliche Gemeinden gibt, die die Christus Suchenden und an Christus Glaubenden auffangen, die für sie zur geistigen Heimat werden, Gemeinden die den Einzelnen helfen, das Ungeheuere der Botschaft Jesu auszuhalten, Schwestern und Brüder, die die Zumutung des Glaubens mittragen.

Am heutigen Patrozinium gehen unsere Gedanken auch zu unserem Kirchenpatron St. Albertus Magnus. Er war ein Mensch des großen, tiefen, persönlichen Glaubens und auch ein großer Verfechter der Kirche. Durch seine Vorlesungen und Schriften baut er die Kirche auf, er berät Bischöfe und wird selbst zum Bischof von Regensburg. Doch, was war am Anfang? - eine kleine Pfarrgemeinde in Lauingen, in Schwaben. In dieser konkreten Kirchengemeinschaft konnte er durch die Taufe Christ werden und durch das in ihr Eingebundensein die Freude finden, sein Leben Gott und der Kirche zu widmen.

Sein Vorbild und seine Fürsprache helfen uns, unserer Gemeinde, die stolz seinen Namen trägt, eine authentische christliche Gemeinschaft zu werden, offen zu bleiben für alle Suchenden, offen zu bleiben für alle, die glauben möchten und nicht können, weil sie sich als Einzelne überfordert fühlen. Der Herr gebe uns Bereitschaft und Fähigkeit uns gegenseitig zu ermutigen und im Glauben zu stärken, damit wir das Ungeheuere dieser Botschaft zusammen aushalten und ihr in unserem Leben konkrete Gestalt geben.



Copyright © 10 / 1999 - 2009 by Dieter Herberhold
Last updated 04.12.07