Predigten 2000


Über die Einzigkeit Jesu Christi und der Kirche

Predigt von Pfarrer Lukasz zur Erklärung der Glaubenskongregation "Dominus Iesus" am 17.9.2000


Viel Aufregung

Einige Tage lang hat wieder ein kirchliches Thema eine breite Resonanz in den Medien und in der Öffentlichkeit bekommen. Es wird berichtet, kommentiert, kirchliche Amtsträger und Tausende Menschen nehmen Stellung in unzähligen Interviews, Leserbriefen und Internetforen. Die katholische Kirche ist wieder in ein schweres Kritikfeuer geraten. Außer von vielen in der Ökumene engagierten Katholiken, kommt jetzt viel Kritik aus den Reihen der evangelischen Christen, die sich durch das vatikanische Dokument in ihrer Stellung als Kirche abgewertet fühlen. "Kardinal Ratzinger verärgert die Protestanten", "Rückschlag für die Ökumene", "Eiskalte Dusche für Andersgläubige" – sind nur einige der Schlagzeilen. Die katholische Kirche wird beschuldigt, ihre eigene Stellung hervorzuheben, ihren Vorrang vor dem Protestantismus zu bekräftigen und damit gegen die Ökumene zu wirken.

Der Auslöser der heftigen Debatte ist ein am 5.9.2000 veröffentlichtes Dokument der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre "Erklärung Dominus Iesus. Über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche", das von Kardinal Ratzinger unterzeichnet und vom Papst bestätigt ist.

Der Anlass der Veröffentlichung – so die Glaubenskongregation – sind einige Verkürzungen und Relativierungen der Glaubenswahrheiten, die in der letzten Zeit bei einigen katholischen Theologen und auch bei den Gläubigen aufgetreten sind, vor allem in der Diskussion über das Verhältnis des Christentums zu den nichtchristlichen Religionen. Das Ziel des Dokuments ist es, die Lehre der katholischen Kirche erneut klar darzustellen und irrige bzw. zweideutige Positionen zurückzuweisen.

Die Einzigkeit Jesu Christi und andere Religionen

Das Dokument zählt, in der deutschen Übersetzung, 33 Seiten. Auf 2/3 davon wird an die zentralen biblischen Aussagen über Jesus Christus erinnert. Für uns Christen ist Jesus der einzige Weg zum Heil. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, er ist Sohn Gottes und der einzige Offenbarer Gottes. Nur durch ihn und in ihm wird Menschen Heil gebracht. Es gibt für Christen keinen anderen Messias, es gibt für uns Christen keinen Anderen außer Jesus Christus, in dem Gott zu uns Menschen gekommen ist und uns das Heil angeboten hat. Diese zentrale Stellung Jesu im christlichen Glauben nennt man: die Einzigkeit Jesu Christi. Sie wird von Christen aller Konfessionen geglaubt.

Aus dieser gemeinsamen christlichen Überzeugung ergeben sich die Folgen für den Dialog mit den nichtchristlichen Religionen. Diese zentrale Bedeutung Jesu Christi sollte im interreligiösen Dialog nicht zur Disposition stehen. Das Dokument warnt hier Katholiken vor der Relativierung ihres eigenes Glaubens. Viele Menschen, auch viele Christen, meinen heute, es gäbe keine letztverbindliche Wahrheit: Alle Religionen seien gleich, jede gelte gleich viel wie die andere, alle Religionen seien in gleicher Weise Heilswege. Dieser gewissen Beliebigkeit und einem Pluralismus möchte das Dokument widersprechen. Jesus Christus ist in unserem christlichen Glauben der universale und der einzige Mittler zwischen Gott und Menschen. Er ist für alle Menschen gestorben und auferstanden, auch für jene, die nicht formell Glieder der Kirche sind oder ihn nicht kennen. D.h. auch den Nichtchristen kommt die Erlösungsgnade von Christus zu. Das wurde bereits vom 2. Vatikanischen Konzil bekräftigt. Auf welche Weise die heilbringende Gnade Gottes den einzelnen Nichtchristen erreicht, darüber muss noch weiter nachgedacht und nachgeforscht werden. An dem Prinzip der Heilsuniversalität Christi darf aber im Gespräch mit den Weltreligionen nicht gerüttelt werden.

Dass Christus der Erlöser aller Menschen ist, das ist auch die gemeinsame Grundüberzeugung aller bibelfesten Christen, egal welcher Konfession. Diese Überzeugung steht im Einklang mit der gemeinsamen Erklärung über die Rechtfertigungslehre, die in Augsburg vor einem Jahr unterzeichnet wurde.

Die Einzigkeit der Kirche und nichtkatholische Konfessionen

Es ist der zweite Teil des Dokuments, der in der Öffentlichkeit viel Aufregung und Entrüstung verursacht hat. Nach der Schilderung der Einzigkeit Jesu Christi für das Heil aller Menschen, wird hier über die Einzigkeit der Kirche als Vermittlerin dieses Heils gesprochen.

Es wird behauptet: So wie es nun einen einzigen Jesus Christus gibt, so gibt es nur eine einzige Kirche, die der mystische Leib Christi ist. Weil der Leib Christi nicht geteilt werden kann, kann es nur eine einzige Kirche Christi geben, in der Christus selbst gegenwärtig ist.

Das Dokument sagt weiter, es soll eine feste Überzeugung der Katholiken sein, dass diese Kirche Christi in der katholischen Kirche verwirklicht (lat.: subsistit in) ist. Ich zitiere wörtlich "Die Gläubigen sind angehalten zu bekennen, dass es eine geschichtliche, in der apostolischen Sukzession verwurzelte Kontinuität zwischen der von Christus gestifteten und der katholischen Kirche gibt" (Nr. 16).

Weil das Heil Gottes größer ist als die katholische Kirche, finden sich auch außerhalb des "sichtbaren Gefüges" der katholischen Kirche "vielfältige Elemente der Heilung und der Wahrheit" (LG 8). Dadurch werden die verschiedenen nichtkatholischen Glaubensgemeinschaften als Kirchen und kirchliche Gemeinschaften anerkannt, mit denen sich die katholische Kirche in unterschiedlicher Nähe verbunden weiß. Die apostolische Sukzession und die volle Wirklichkeit der Eucharistie sind dabei unaufgebbare Voraussetzungen und bleibende Kriterien. Der katholischen Kirche am nächsten sind die Kirchen, die zwar nicht in vollkommener Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, weil sie den Primat des Papstes nicht anerkennen, aber durch die apostolische Sukzession und die gültige Eucharistie mit ihr verbunden bleiben - gemeint sind hier die orthodoxen Kirchen. Die Kirche Christi ist in diesen Kirchen gegenwärtig und wirksam.

Die kirchlichen Gemeinschaften der Reformation, die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben sind – so das Dokument - nicht Kirchen im eigentlichen Sinne. Die in diesen Gemeinschaften Getauften sind aber durch die Taufe Christus eingegliedert und stehen deshalb in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der Kirche (Nr. 17).

Diese letzte Behauptung hat Proteste bei den evangelischen Mitchristen ausgelöst: Sie dürfen sich nicht Kirche, sondern eine kirchliche Gemeinschaft nennen. Bereits in einem Schreiben vom 30.6.00 hat Kardinal Ratzinger darauf hingewiesen, dass sich der Ausdruck "Schwesterkirchen" im theologisch strengen Sinne auf das Verhältnis zwischen der Kirche von Rom und den orthodoxen Kirchen bezieht. Der Ausdruck "Schwesterkirchen" kann zwar Anwendung finden auf Teilkirchen, darf aber im Plural nicht auf der Ebene der im Credo bezeugten einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche Verwendung finden. Es gibt nur eine einzige Kirche (LG). "Die Christgläubigen dürfen sich nicht vorstellen, die Kirche Christi sei nichts anderes als eine gewisse Summe von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. In Wirklichkeit existieren die Elemente dieser bereits gegebenen Kirche in ihrer ganzen Fülle in der katholischen Kirche und noch nicht in dieser Fülle in den anderen Gemeinschaften." (Nr. 17). Mit anderen Worten: Die katholische Kirche sieht sich selbst als die von Christus gegründete und auf der Lehre der Apostel aufgebaute Kirche, die die Fülle des von Gott geschenkten Heils durch die Jahrhunderte trägt. Diese Fülle der Heilselemente ist in den anderen Konfessionen nicht vorhanden. Mit aller Deutlichkeit wird hier dem Prinzip des Umgangs mit den Kirchen der Reformation par cum pari, also von gleich zu gleich, eine Absage erteilt. Die katholische Kirche und die protestantischen Glaubensgemeinschaften sind nicht gleichwertige Partner - was die Bezeichnung "die beiden Kirchen" suggerieren könnte. Deshalb ist die Bezeichnung "die beiden Kirchen" zu vermeiden.

Auswirkungen auf die Ökumene

Das sind die wichtigsten Aussagen des umstrittenen Dokuments. Was ist davon zu halten? Was wird mit der Ökumene? Hier ein paar Überlegungen.

Kein Wunder, dass in Deutschland, im Land der Reformation, jede an sich auch berechtigte Selbstdarstellung der katholischen Kirche auf den ökumenischen Prüfstand gestellt wird. Das Dokument darf aber nicht einseitig interpretiert werden. Dieser Text muss im Gesamtkontext der kirchlichen Verlautbarungen zur Ökumene gesehen werden. Kein einziger der ökumenischen Texte des Konzils oder späterer Verlautbarungen (z.B. Ökumene-Enzyklika "Ut unum sint") hat hier seine Bedeutung verloren. Die katholische Kirche weiß sich der Ökumene weiter verpflichtet, nicht weniger als die anderen christlichen Konfessionen. Die Gegner der ökumenischen Bewegung sollen in dem Dokument nicht die Bestätigung ihrer konservativen, anti-ökumenischen Ansichten sehen.

Das Dokument wird sicher die Ökumene nicht beschleunigen, weil es viel Unmut verursacht hat. Auf die Dauer aber wird sich vielleicht zeigen, dass es notwendig war, die katholische Identität und das katholische Selbstverständnis deutlich zu formulieren.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, geht nicht davon aus, dass die ökumenischen Verhandlungen ins Stocken geraten. Im Gegenteil, es würden mit der Erklärung gerade die seit 20 Jahren "aus Höflichkeit" brachliegenden Fragen nun intensiver angegangen.

Unser Erzbischof Kardinal Friedrich Wetter zeigt sich auch überzeugt, dass der Text der Glaubenskongregation keinen Schaden für die Ökumene bedeutet. Das Schreiben mache darauf aufmerksam, dass es zwischen den Kirchen nicht nur Gemeinsames, sondern auch Trennendes gäbe. Dieses sei in der jüngeren ökumenischen Bewegung streckenweise ausgeblendet worden. "So entstanden Illusionen, die einem nach vorn führenden Ökumenismus nicht dienen konnten", betonte der Kardinal.

Ruhig und dialogbereit hat der Vorsitzende des Rates der EKD, Präses Manfred Kock, Stellung genommen. Der Inhalt des Schreibens sei für ihn keine Überraschung. Hier wird wiederholt, was die römisch-katholische Position schon immer war. Kock nennt das Dokument zwar einen Rückschlag für das ökumenische Miteinander, fühlt sich aber weiter der Ökumene verpflichtet: "Die Zukunft der Kirche wird eine ökumenische sein".

Die Stimmen, die aus der kirchlichen Basis auf beiden Seiten kommen, bekräftigen, dass sich in der praktizierten Ökumene nichts ändern wird: Sie ist nicht mehr aufzuhalten. Unsere Kontakte mit der Michaelskirche sehe ich auch keineswegs gefährdet.

Sorge um den rechten Glauben und die Art der Veröffentlichung

Ich spüre persönlich aus dem Dokument die Sorge, dass die Begegnung der Katholiken mit anderen Religionen wie auch mit anderen christlichen Konfessionen zur Preisgabe der eigenen Identität führen könnte. In der Tat werden viele Christen durch andere Glaubensrichtungen in ihrem Glauben verunsichert. Das Dokument will helfen, mehr Klarheit über seinen eigenen Glauben zu schaffen. Und das ist ein berechtigtes Anliegen.

Was an dem Dokument allerdings auszusetzen ist, und das ist im größten Teil die Ursache der Entrüstung, ist die Art, wie hier über andere christliche Konfessionen gesprochen wird. Die Sprache ist hart und trocken. Es fehlt ihr an der ökumenischen Sensibilität. Anstelle der Abgrenzungsstrategie wäre es vielleicht besser gewesen, auf die trennenden Unterschiede hinzuweisen und sie als gemeinsam zu lösende Aufgaben zu formulieren. Das Gefühl der Überlegenheit wäre dann nicht entstanden. So ist aber das Dokument etwas hart ausgefallen. Gerade in der Ökumene kommt es auf die Bereitschaft des Zuhörens an (C.M. Martini). Die Ökumene kommt nicht voran, wenn wir uns nur selbst darstellen.

Der Erfurter Bischof Joachim Wanke sagte: Eine Kongregation für die Glaubenslehre muss manchmal Wahrheiten in Erinnerung rufen. Das ist ihre Aufgabe. Doch auch hier gilt: "Der Ton macht die Musik".

Der Wiener Alterzbischof Kardinal König bemängelte auch die Art der Veröffentlichung. Das "ökumenische Klima" sei durch die Aufregung um das Dokument zweifellos belastet worden, es sei aber zu wünschen, dass es auch in diesem Bereich zu einer "Abrüstung der Worte" komme. Die Christen seien als "Familie" miteinander auf dem Weg: "Und das bleiben wir, auch wenn es gelegentlich Familienstreit gibt", meinte König.

Ich hoffe auch, dass es sich hier nur um einen kleinen Familienstreit handelt. Wenn die Positionen geklärt sind, werden sich die getrennten Christen erneut und mit mehr Klarheit für die Einheit der Kirche Christi einsetzen. Unser Ziel ist nicht miteinander zu streiten, sondern in der versöhnten Verschiedenheit auf die Herausforderungen der Zeit an der Jahrtausendwende gemeinsam zu antworten. Dieses gemeinsame Ziel sollte auch die Glaubenskongregation in ihrer Sorge um den rechten Glauben nicht aus dem Blickfeld verlieren.


Hinweis:

Eine Zusammenfassung der Erklärung "DOMINUS IESUS" sowie den vollständigen Text dieser Erklärung finden Sie hier!



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Last updated 04.12.07