Predigten 2000


Bilanz 2000: Mit gesundem Selbstbewusstsein in die Zukunft

Predigt von Pfarrer Lukasz am Pfarrfest 2000, 16. Juli


Ein rundes Datum lädt immer zu einer Bilanz ein. 2000 Jahre Christentum lassen sich nicht leicht zusammenfassen. Zu viel ist in diesen Jahren geschehen, nicht nur in der Welt, in Europa, sondern auch in der Kirche. Eines steht aber fest: Die Körner der frohen Botschaft, die Jesus gesät hat, haben nach 2000 Jahren eine reiche Ernte gebracht. So wie das Gleichnis vom Sämann erzählt, trugen einige Körner dreißigfach, andere sechzigfach, und andere sogar hundertfach. Es gab sicher auch Körner, die keine Frucht brachten, weil sie auf unfruchtbaren Boden fielen. Es gab, wie auf jedem Feld, auch viel Unkraut, das in der Kirche gewachsen ist, Unkraut, das die gute Ernte gefährdete. Rückblick auf 2000 Jahre Christentum hat die Kirche auch zum Schuldbekenntnis gezwungen. Der Papst hat sich mehrmals in diesem Jahr entschuldigt für die Fehler der Vergangenheit und wir brauchen es heute nicht wieder zu machen. Die dunklen Jahre der Kirchengeschichte stehen in keinem Verhältnis zu unzähligen ruhmvollen Taten und Zeiten. Wir Christen haben allen Grund zur Dankbarkeit. Einige dieser ruhmvollen Seiten der Kirchengeschichte möchte ich heute nennen als Grund zur Freude und zum Feiern. Eine kleine Erfolgsstory der Kirche könnte es werden.

Die Verdienste der Kirche möchte ich in fünf Ernten zusammenfassen - verständlicherweise - nur andeutungsweise und stichwortartig.


Die erste Ernte ist die NÄCHSTENLIEBE.

Die Aufforderungen Jesu den Nächsten zu lieben wie sich selbst, einander zu lieben, wie er uns geliebt hat, zu verzeihen und sogar die Feinde zu lieben, haben unglaubliche Energien bei vielen Christen ausgelöst Sie sind dem Beispiel Jesu gefolgt und haben sich grenzenlos für Mitmenschen engagiert. Das Gebot der Liebe ist zum wichtigsten Gebot geworden. Selbstloser Einsatz vor allem für Bedürftige, für Kranke, für alte Menschen, war die direkte Antwort auf den Appell und auf das Vorbild Jesu. Schon in der Urkirche, wie die Apostelgeschichte bezeugt, wurde ein organisatorischer Rahmen geschaffen, um effektiver helfen zu können. Nachfolger dieser "organisierten" Nächstenliebe sind heute zahlreiche Hilfsorganisationen, Caritasverbände, Krankenhäuser und Altenheime in kirchlicher Trägerschaft.

Viele heroische Beispiele der Nächstenliebe könnten genannt werden, wie z. B. Pater Maximilian Kolbe, der stellvertretend für einen Familienvater in die Gaskammer von Auschwitz gegangen ist. Es war eine wörtliche Erfüllung der Worte Jesu: Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt (Joh 15,13).

Unzählige Beispiele heroischer Nächstenliebe bleiben verborgen. Ich habe unsere Nachbarn bewundert, als mir die Eltern gesagt haben, dass sie unter Androhung der Todesstrafe ein 10-jähriges jüdisches Mädchen drei Jahre lang bei sich versteckt gehalten haben, bis der Krieg zu Ende war.

Nur Gott selbst kann wissen, wie viel Gutes, Edles, Heroisches in der zweitausendjährigen Geschichte der Kirche geschehen ist.

Als Symbol für den Einsatz der Christen in der Nächstenliebe, wird ein Korb mit Rosen auf die erste Säule gestellt.

Die zweite Ernte ist der Einsatz der Kirche für die MENSCHENWÜRDE und Menschenrechte.

Jesus hat mit seinem Verhalten viele Klischees gebrochen und provoziert. Er hat einen gehassten Zöllner Levi Matthäus in seine Nachfolge berufen. Er sprach mit Prostituierten, die die Gesellschaft verachtete. Er nahm die Einladung des Zöllners Zacchäus zum Essen an. Er hat in jedem Menschen, in jedem Mann und in jeder Frau, die Würde der Person, das Ebenbild Gottes gesehen, das es zu verteidigen gilt.

Diesem Vorbild Jesu hat die Kirche versucht nachzukommen. Schon sehr früh hat die Urkirche die Grenzen des Judaismus überschritten und sich für alle Menschen geöffnet. "Jetzt begreife ich – sagte Paulus nach der Taufe des ersten Nichtjuden – dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist." (Apg 10,35). Jeder Mensch, unabhängig von seiner Hautfarbe, Sprache und Nation, kann sich taufen lassen und Christ werden – vor Gott sind alle Menschen gleich.

Auch außerhalb der Kirche haben sich die Christen bemüht, sich für die Menschenwürde und Menschenrechte einzusetzen. Ungerechte Strukturen werden in der Regel mit staatlicher Gewalt aufrecht erhalten und es liegt nicht in den Möglichkeiten der Kirche sie abzubauen. Wo es aber möglich war, hat die Stimme der Kirche nicht gefehlt sie anzuprangen. So wurde z.B. die Sklaverei im römischen Reich bekämpft, so wird auch heute von der Kirche klar Stellung genommen, wenn die Würde des Menschen verletzt wird.

In der neusten Geschichte Europas ist es der Kirche in Polen und dem Papst persönlich zu verdanken, dass die Freiheitsbewegung "Solidarnosc" entstehen konnte, was in der Folge zum Zusammenbruch des die Menschenwürde verachtenden Kommunismus geführt hat, und dadurch zum Fall der Berliner Mauer, zur Vereinigung Deutschlands, und zur sich formenden Einheit Europas.

Ich bewundere auch die Kirchengemeinden in Deutschland, die den Mut haben, sich gegen die staatliche Gesetzesordnung zu stellen und ungerecht behandelten Menschen Kirchenasyl zu gewähren. Sie zeigen, dass ihr christliches Gewissen und die Nächstenliebe die oberste Instanz ist.

Als Symbol des Einsatzes der Christen für die Menschenwürde und die Menschenrechte wird ein Plakat auf der zweiten Säule angebracht.


Die dritte Ernte ist der Einsatz der Kirche für BILDUNG und Erziehung.

Geht und lehrt alle Nationen - sagte Jesus im Missionsauftrag. Er selbst, als Zwölfjähriger, lehrte im Tempel und als Erwachsener in den Synagogen. Der Mensch hat Durst nach Wahrheit und nach Wissen. Die Kirche hat sich berufen gefühlt, nicht nur die Wahrheit Gottes zu verkünden, sondern auch nach dem allgemeinen Wissen zu forschen und es den Menschen nahe zu bringen.

Bedenken wir: Was wäre Bayern ohne die alten bayerischen Klöster: Tegernsee, Benediktbeuern, Wessobrunn, Weihenstephan, etc.. Von diesen Klöstern ging im Mittelalter die Alphabetisierung der Bevölkerung aus. In den Klosterschulen wurde fundiertes Wissen und gute Erziehung vermittelt, so bis heute. Unser Kirchenpatron St. Albertus Magnus war ein genialer Wissenschaftler, der nicht nur Theologie, Philosophie und Literatur perfekt beherrschte, sondern durch sein Interesse an der Schöpfung und am Leben zum echten Vorreiter der neuzeitlichen Naturwissenschaften geworden ist. Die Uni in Köln, der Stadt wo sich sein Grab befindet, trägt heute stolz seinen Namen. An Universitäten und Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft studieren heute weltweit Hunderttausende von Studenten. Millionen von Büchern und Zeitschriften werden weltweit von der Kirche herausgegeben. Bis heute gehören die kirchlichen Schulen in den Ländern mit christlicher Minderheit, z.B. in Indien und Indonesien, oder in Ägypten und Libanon, zu den besten Schulen des Landes. Der Bildungseinsatz in den Schulen gehört bis heute zu den wichtigsten Aufgaben eines Missionars.

Die Kirche bleibt dem Bildungsauftrag treu und das ab den ersten Lebensjahren. Allein in unserem Pfarrkindergarten und Hort lernen 100 Kinder, betreut von 9 engagierten Personen, die Grundlagen des sozialen Verhaltens, die Freude am Spielen und Singen, Selbständigkeit und Offenheit. Kirchliche Kinder- und Jugendarbeit darf auch nicht übersehen werden.

Und was wäre heute die Musik, ohne kirchliche Musik, auch ohne die vom Glauben motivierten und getragenen Gospellieder? Was wären heute Galerien ohne christliche Kunst?

Als Symbol für den Einsatz der Christen im Bildungs- und Erziehungswesen, im Bereich der Kultur, wird ein Buch auf die dritte Säule gestellt.


Die vierte Ernte ist der Einsatz der Christen für die Bekämpfung der Armut (SOLIDARITÄT).

Jesus, der die Hungrigen nicht nach Hause schickte, sondern für sie das Brot teilte, die Urgemeinde in Jerusalem, in der es kein Privateigentum gab, sondern alles gemeinsam, blieben zwar ein unerreichtes Ideal, regten aber die Christen an, ihre Güter zu teilen. Paulus berichtet in seinen Briefen von den Kollekten, die er auf seinen Reisen abgehalten hat, um den ärmsten Gemeinden zu helfen. Misereor, Adveniat, Missio, Renovabis sind die größten katholischen Hilfswerke, die jedes Jahr Millionen von Mark, die von Gläubigen gespendet werden, in die Länder der Dritten Welt überweisen. Partnerschaften mit den Kirchen der Dritten Welt, Unterstützung der einzelnen Missionare, sind ebenso Zeichen der Solidarität mit jenen, denen es schlechter geht als uns.

So wie bei den Menschenrechten, so auch beim Thema Armut, hat die Kirche nicht die Mittel um die ungerechten Strukturen zu verändern. Sie nützt aber jede Gelegenheit gegen die Ausbeutung, gegen billige Arbeitskräfte, gegen ungerechte Verteilung der Güter, den Reichen und den Politikern ins Gewissen zu reden. Durch fairen Handel, Eine-Welt-Handel, wollen Pfarrgemeinden, darunter auch unsere, konkrete Zeichen für Solidarität setzen. Im Jahr 2000 wendet sich die Kirche an die reichen Staaten und fordert den so genannten Erlass 2000 – den Erlass der Schulden der armen Länder.

Als Symbol für den Einsatz der Christen für die Armen im Geiste der Solidarität wird ein Brot auf die vierte Säule gelegt.

Die fünfte Ernte ist die Bemühung, dem Leben einen christlichen Sinn und eine christliche Orientierung zu geben (GLAUBE).

Diesen Einsatz möchten wir mit der Osterkerze symbolisieren. Es ist die fünfte Säule. Sie steht aber nicht in der Verlängerung der Reihe, sondern hinter den vier Symbolen, weil sie Christus symbolisiert, der die Kraft gibt, alle diese guten Werke zu vollbringen.

Schön, dass nach 2000 Jahren diese schönen Früchte gewachsen sind, dass die Ernte groß ist. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass das Christsein nicht in erster Linie nach guten Werken gemessen wird, sondern am Glauben und am Gottesvertrauen.

Die Kirchen, die in die Landschaft vieler unserer Länder gehören, sind Versammlungsorte für Menschen, die in den Jahrhunderten zusammenkamen, um die frohe Botschaft zu hören, um Gott zu singen, Gott zu bitten und ihm zu danken. Gottesdienste haben ihren Glauben lebendig erhalten, haben ihre Hoffnung gestärkt, haben ihre Liebe bekräftigt.

Millionen, Milliarden von Menschen, haben in diesen 2000 Jahren aus dem christlichen Glauben gelebt und in diesem Glauben den Sinn des Lebens, die Kraft zu lieben, die Hoffnung auf die Vollendung bei Gott gefunden. In Krisenzeiten, bei Krankheit und Tod, ließen sich Christen voneinander trösten mit der zentralen Botschaft des Glaubens: Christus ist auferstanden und wir werden mit ihm auch zum Leben auferstehen. Er ist das Licht, das nie erlöschen wird. Er wird alle, die auf ihn hoffen, aus der Dunkelheit des Todes in dasselbe Licht führen.

Als Symbol für den Glauben der Christen und deren Hoffnung wird jetzt die Osterkerze angezündet.


Abschluss

"2000 feiern" bedeutet Christus zu feiern, der unter uns lebt, der auch heute mit uns den Weg des Lebens geht. 2000 feiern, bedeutet auch unsere Gemeinde zu feiern, unsere Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, die heute aus seiner Botschaft lebt und deren Leben auch heute ähnliche Ernten hervorbringt. Diese Früchte wachsen auch heute unter uns. Darauf sind wir stolz und wir danken Gott dafür. Wir haben heute allen Grund zum Feiern. Das erfüllt uns mit Freude und mit Zuversicht. Wir Christen, wir dürfen mit gesundem Selbstbewusstsein in die Zukunft, in das 21. christliche Jahrhundert gehen, weil Gott uns auf unserem Weg begleitet.

Man kann diskutieren: Wie wäre unsere Welt ohne 2000 Jahre Christentum. Hat das Christentum sie besser gemacht? Skeptiker sagen nein – die Welt sei wie sie war. Ich glaube, dass die Welt doch ein bisschen eine bessere Welt geworden ist. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in die Christus nicht gekommen ist und an die Götter glauben, die nicht weiterhelfen.

Rückblickend in die Vergangenheit und fortschauend in die Zukunft, vertrauen wir uns Christus an, unserem Herrn, gestern, heute und in Ewigkeit und singen unser Jahr-2000-Lied.



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Last updated 04.12.07