Predigten 2000


Zum (Still-) Stand der Ökumene

Eröffnungspredigt von Pfarrer Lukasz zum Beginn der Gebetswoche für die Einheit der Christen am 16.01.2000.

Ein rundes Datum lädt immer zu einer Bilanz ein. Viele Rückblicke auf die zweitausendjährige Geschichte des Christentums werden gemacht. Die diesjährige Gebetswoche für die Einheit der Christen lädt ein auch zu einer Bilanz der Ökumene.

Ich habe mir vorgenommen, kurz den Stand der Ökumene an der Schwelle zum dritten Jahrtausend zu schildern; dabei habe ich schnell festgestellt, dass ich eigentlich vom Still-Stand der Ökumene sprechen muss.

Nichts desto weniger wird das 20. christliche Jahrhundert in die Geschichte der Kirche als das Jahrhundert der ökumenischen Bewegung eingehen. Die Kirchen stehen im Jahr 2000 anders zueinander als im Jahr 1900. Wer hätte damals geahnt, dass hundert Jahre später ökumenische Kontakte und ökumenische Gottesdienste zur Alltagspraxis der Kirchen auf allen Ebenen gehören werden, dass in vielen kirchlichen und sozialen Bereichen zusammengearbeitet wird, dass wir in Deutschland eine gemeinsame Bibelübersetzung haben (die sog. Einheitsübersetzung), u.s.w.

Die Herstellung der Einheit aller Christen hat sich die katholische Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) als eine der Prioritäten gesetzt. In den darauf folgenden Jahren hat man sich katholischerseits von der ökumenischen Bewegung sehr viel erhofft und erwartet. Die Einheit schien damals – in den ersten Jahrzehnten der nachkonziliaren Erneuerung - vor der Tür zu stehen. In den achtziger Jahren wurde noch die Hoffnung genährt, dass mindestens die katholische und die orthodoxen Kirchen zum großen Jubiläumsjahr die volle Einheit erlangen werden. - Wir wissen, dass die theologischen Unterschiede zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche sehr gering sind, viel kleiner als mit den Kirchen der Reformation und deshalb schien auch der Weg zur Einheit kürzer und leichter zu sein. - Als damaliger Student in Rom kann ich mich erinnern an die optimistischen Stimmen aus dem vatikanischen Sekretariat für die Einheit der Christen, die berichteten von immer neuen Schritten in den Verhandlungen mit den orthodoxen Patriarchaten. Es war der innigste Wunsch des jetzigen Papstes, sich zur Feier des Jahres 2000 gemeinsam mit den orthodoxen Christen präsentieren zu können. Die Chancen waren gut, die orthodoxe Kirche machte mit. Da kam aber ganz unerwartet der Zerfall des Kommunismus, die Öffnung Osteuropas und damit verbunden die religiöse Freiheit im Osten. Als die katholische Kirche ihre Priester und Ordensleute nach Russland entsandte, um die dortigen Katholiken zu betreuen, warf die orthodoxe Kirche dem Vatikan unerlaubte Missionierung und Seelendiebstahl vor und zog sich vom Verhandlungstisch zurück. Die große Hoffnung auf die Wiederherstellung der Einheit zwischen West und Ost, die seit 1054 zerbrochen ist, platzte. Für den Papst persönlich sicherlich eine große Enttäuschung und für alle Christen ein schlechtes Zeugnis vor der Welt: die Kirchen können nicht miteinander reden.

So stehen die Kirchen bei den Feierlichkeiten zum Jubiläumsjahr 2000 leider weiter getrennt. Diese Tatsache muss alle Christen jetzt sehr nachdenklich machen. In dem Schreiben zum Jahr 2000 "Tertio Millenio Adveniente" nannte der Papst die größere Einheit der Christen als das zweitwichtigstes Ziel des großen Jubiläums - nach der persönlichen Umkehr und Glaubenserneuerung. Kein solcher entscheidender Schritt konnte aber bis jetzt getan werden. Im Gegenteil, viele nichtkatholische Gläubige meinen, das Heilige Jahr sei nur eine Deckung für den römischen Proselytismus - für ein verdecktes Abwerben der Gläubigen. Uneinigkeit und Kontroverse bezeugt z.B. der gewaltige Protest des griechisch-orthodoxen Patriarchats gegen das Vorhaben des Papstes Athen zu besuchen. Außerdem wartet man seit Jahren auf das Treffen des Papstes mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Alexij II.. Die jüngste Nachricht, dass Ende des Jahres 2000 die Vorbereitungen zum Gipfeltreffen beginnen können, klingt befremdlich. Eine Begegnung zwischen zwei Brüdern im christlichen Glauben könnte – meine ich – viel schneller, spontaner und unkomplizierter organisiert werden.

Keine Frage, die ökumenische Bewegung ist an der Jahrtausendwende ins Stocken geraten. Das gilt auch für die Ökumene mit den Reformationskirchen. Ein großer Schritt auf dem Weg zur Einheit war bestimmt die Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre am 31.10.1999 in Augsburg. Sie soll eine theologische Basis für Annäherungen in weiteren strittigen Punkten schaffen. Dass diese Erklärung auch Gegner gehabt hat, auf der katholischen wie vor allem auf der evangelischen Seite zeigt, wie viele Ängste vor der Annäherung bei den Theologen und bei den Gläubigen noch vorhanden sind. Stolpersteine und Schwierigkeiten auf dem Weg zur Einheit scheinen auf der jetzigen Etappe immer weniger theologischer Natur zu sein, als vielmehr zwischenmenschlicher Natur. Historisch belastete Vorurteile, schlechte Kenntnisse der anderen Konfessionen, Ängste vor dem Verlust der eigenen Identität, Ängste vor Vereinnahmung, rücken immer mehr als Haupthindernisse in den Vordergrund des ökumenischen Dialogs. Wir befinden uns jetzt im Jahr 2000 in der Situation, in der keine der Kirchen genau Bescheid zu wissen scheint, wie es weitergehen soll. Alle Kirchen brauchen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend einen Wegweiser, ein Licht, das sie in die gemeinsame Zukunft führt, sie brauchen vielleicht auch charismatische Menschen, die den Weg in die versöhnte Gemeinschaft der Kirchen vorleben.

Alle Kirchen brauchen auch weiter mutige und eindeutige Zeichen des Wunsches nach Einheit. Auf drei von solchen aktuellen Zeichen, von drei Stufen der kirchlichen Hierarchie, möchte ich hinweisen.

Ich fange in Rom an. Am 18. Januar um 11.00 Uhr, das ist der Dienstag der nächsten Woche, wird in Rom die Heilige Pforte der Basilika von St. Paul außerhalb der Mauern vom Papst zur Feier der Heiligen Jahres eröffnet. Die Zeremonie findet statt im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes, der in der Basilika vom Papst und den Vertretern der anderen Konfessionen gemeinsam gefeiert wird. Mit der Öffnung dieser letzten Heiligen Pforte hat man bewusst gewartet, um ein ökumenisches Zeichen zu setzen für den Anfang der Gebetswoche für die Einheit der Christen. So will die katholische Kirche auch die Schwesterkirchen einladen, das Heilige Jahr in Rom mitzufeiern.

Von Rom komme ich in unsere Landeshauptstadt. Am Silvesterabend fand im Münchner Dom unter dem Vorsitz unseres Herrn Kardinals ein ökumenischer Gottesdienst statt, an dem auch der griechisch-orthodoxe Bischoff Dimitrios teilnahm und in dem der neue evangelische Landesbischof Johannes Friedrich die Predigt hielt. Anschließend zogen die drei Bischöfe, begleitet von den Gläubigen, in einer Lichterprozession zum Marienplatz. Von dort aus segneten sie gemeinsam zum Beginn des neuen Jahrtausends Stadt und Land. - Eine eindrucksvolle ökumenische Geste in den einmaligen Silvesterstunden.

Von München komme ich zurück nach Ottobrunn. Sie kennen die ökumenischen Initiativen und zahlreichen Kontakte unserer Ottobrunner Gemeinden gut. Das größte Zeichen der christlichen Zusammengehörigkeit und des Wunsches nach Einheit ist bestimmt der gemeinsame Gottesdienst auf der Maderwiese, der auch für dieses Jahr, im Juni, geplant ist. Einer der ökumenischen Höhepunkte in unserer Gemeinde St. Albertus Magnus wird nächsten Sonntag die Anwesenheit eines Pfarrers der evangelischen Schwestergemeinde sein, der an uns auch ein geistliches Wort richten wird.

All diese Zeichen, all diese zwischenmenschlichen und zwischenchristlichen Begegnungen sollten uns ermutigen – trotz Schwierigkeiten und vielen Fragen - auf dem Weg der Ökumene nicht stehen zu bleiben. Sie sollen unsere Hoffnung wach halten, dass die Einheit der Jünger Christi, welche Form sie in Zukunft auch haben mag, möglich sei.

Wenn wir das neue Jahrhundert ratlos und hilflos in ökumenischer Hinsicht beginnen müssen, wenn die Träume von der schnellen Einheit im Jahr 2000 geplatzt sind, wenn die Schwierigkeiten uns zu groß erscheinen und der Weg in die gemeinsame Zukunft im Dunkeln liegt, dann sollten wir nicht vergessen, dass es noch ein Mittel der Ökumene gibt, das über das Menschliche hinausragt. Dieses Mittel heißt: Gebet um die Einheit. Wenn menschlich gesehen Sachen unmöglich erscheinen, sollten wir uns um so mehr dem Gebet widmen und Gott bitten, er möge das Rad der Ökumene wieder in Bewegung setzen, er möge uns und den Christen allen Konfessionen einen gemeinsamen Weg weisen, auf dem wir alle dem Wunsch und dem Gebet Jesu entsprechen können: "Ich bitte ... für alle, die ... an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast." (Joh 17,20-21). Setzen wir uns für die Einheit der Christen durch das Gebet ein, in der heute beginnenden Woche, der Gebetswoche für die Einheit der Christen.

 



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Last updated 04.12.07