Predigten 2000


Um ein mutiges christliches Profil in der pluralistischen Gesellschaft


Predigt von Pfarrer Lukasz zum Kirchweihfest 2000 und zum Abschluss der "Woche der offenen Tür" am 15.10.2000


Wenn man so sonntags morgens in die Kirche kommt, fühlt man sich, wenn man unterwegs durch die Siedlung an vielen Häusern vorbei geht, manchmal schon recht einsam. "In unserem Wohnhaus wohnen 10 Familien; wir sind die einzigen, die in die Kirche gehen" – sagte ein Ehepaar. "Aus unserer Straße sehe ich nur drei Familien in der Kirche" – sagte mir eine Frau. Es ist eine ernüchternde Tatsache – wir sind Minderheit, wir praktizierenden Christen sind eine Minderheit in der heutigen Gesellschaft. Wir sind ein kleines Grüppchen – wir sind aber nicht wenige. Die Zahl derer, die Sonntag für Sonntag in unseren Gemeinden zusammenkommen, ist weiter so hoch, dass politische Parteien oder Verbände nur davon träumen können.

Gesellschaftlicher Pluralismus

Wenn wir unser gesellschaftliches Umfeld betrachten, dann müssen wir Christen akzeptieren, dass wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben, dass es rund um uns Menschen gibt, die eine ganz andere Lebensphilosophie vertreten, die eine ganz andere Weltanschauung haben, für die Sonntag etwas ganz anderes bedeutet als für uns.

Diesen gesellschaftlichen Pluralismus müssen wir anerkennen. Wir begrüßen ihn zwar nicht mit besonderer Freude - bringt er doch viele Zerrissenheiten und Konflikte in die Familien und in das soziale Umfeld. Das Phänomen ist auch nicht neu. Wir leben seit längerer Zeit in Situationen, in denen wir uns mit anderen Glaubensüberzeugungen, anderen Religionen und Weltanschauungen schon öfters auseinander setzen mussten und wir kennen die Spielregeln des Zusammenlebens mit Menschen, die anders glauben und denken. Toleranz ist hier der Schlüsselbegriff. Die Toleranz, die Anerkennung der Andersartigkeit anderer, ist aber nur ein Aspekt des Lebens von Christen in unserer pluralistischen Gesellschaft.

Mut zum eigenen Standort

Was für uns Christen sehr wichtig ist und als dringende Aufgabe angesehen werden sollte, das ist der Mut zum eigenen Standort. Wir Christen müssen mehr Mut haben, den Platz, den wir in der Gesellschaft einnehmen, zu verteidigen. Viele Christen und viele Gemeinden haben sich bisher eher gescheut in der pluralistischen Öffentlichkeit ihre Stimme deutlich werden zu lassen. Wenn wir im Pluralismus überleben wollen, dann müssen wir Christen ein klares und unverwechselbares Profil zeigen. Wir müssen endlich heraus aus der Situation des Minderwertigkeitsbewusstseins. Es gibt keinen Grund, für die unter uns weit verbreitete Zurückhaltung. Was wäre also zu tun?

Mut zur geistigen Offensive

Wir müssen eine geistige Offensive starten. Ich habe das Gefühl, dass wir Christen seit langer Zeit mit dem Rücken an der Wand stehen und uns ständig selbst verteidigen müssen. Diese Position "mit dem Rücken an der Wand" ist nicht gut, weil der Spielraum immer enger wird. Andere machen das Spiel, sie bestimmen die Themen - und wir sind stets wie in einem Verhör. Es ist höchste Zeit, dass wir offensiver werden, dass wir uns nicht an die Wand drücken lassen, dass wir selbst aktiv werden und das Evangelium offensiver vertreten. Offensiv heißt nicht aggressiv. Es kommt darauf an, dass wir aufbrechen und mehr in einen geistigen Wettbewerb eintreten als bisher. Wir dürfen auch andere Leute, Leute die anders denken und glauben als wir, mehr nach ihren Konzepten und ihren Lösungen befragen. Wir haben das Recht dazu. Wir müssen alle aus der Defensive, aus der Lage "des Belagerten" und "des Befragten" zur Position "des Befragenden". Wir müssen mehr das Tor des Gegners ins Visier nehmen. Es kann nicht gut gehen, wenn der Ball nur auf unserer Seite gespielt wird. "Wir haben schon eine ganze Reihe von Eigentoren geschossen, die unnötig sind" (K. Lehmann).

Die ideologischen Gegner würden sich von uns mehr Mut und Eigeninitiative wünschen. Sie warten mehr auf unser selbstbewusstes Auftreten als wir uns selbst zutrauen. Jetzt im Jahr 2000 ist nicht die Zeit des Kleinmuts. Eine gewagte und mutige Auseinandersetzung ist von uns Christen gefordert.

Mut zum persönlichen Zeugnis

Nichts hat beim Auftreten eine größere Überzeugungskraft als das persönliche Zeugnis. "Kommt und seht" – sagte Jesus zu zwei jungen Männern, die ihn kennen lernen wollten. Unsere Welt verlangt von uns das persönliche Eintreten für die Sache Jesu Christi und der Kirche. In unserer kirchenkritischen Gesellschaft wird Gott und der Kirche ein größerer Platz eingeräumt als wir Christen es ahnen. Wir werden angefragt und befragt. Auf klare, überzeugende christliche Antworten zu vielen Fragen der Gegenwart warten viele unserer Zeitgenossen, auch viele ideologische Gegner, die mit dem Christentum und mit der Kirche "nichts am Hut" haben. Authentische Christen werden gesucht und gebraucht.

Es wird von uns Christen nicht erwartet, dass wir den kurzlebigen Erscheinungen und Moden nachlaufen. Es wird von uns erwartet, dass wir unsere eigene begründete Meinung vertreten, dass wir einen Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion vom christlichen Standort aus leisten. Dieser Beitrag kann auch bedeuten, Widerspruch und Widerstand, wenn die Dinge mit dem Evangelium und mit der Lehre der Kirche nicht in Einklang zu bringen sind.

Der Anspruch an die Kirche ist groß, und von den Christen wird das mutige, öffentliche Bekenntnis zu ihren Werten erwartet. Ohne christliche Stimme würde unsere Gesellschaft geistig verarmen. Die Kritik an der Kirche dürfen die Christen nicht als Feindseligkeit sehen, sondern vielmehr als eine Herausforderung. Hoffentlich werden wir weiter herausgefordert. Es wäre traurig, wenn an uns keine Fragen mehr gestellt würden und keine Kritik geäußert würde. Wenn wir herausgefordert werden, dürfen wir auch provokativ werden, dann dürfen wir auch den Herausforderer provozieren und ihn zur Verteidigung zwingen.

Dass es in der Öffentlichkeit doch so selten mutige christliche Auftritte gibt, ist wahrscheinlich nicht nur auf den fehlenden Mut der Einzelnen zurückzuführen, sondern auch auf die Tatsache, dass viele Christen noch viel zu sehr auf das Amt und die Institutionen vertrauen. Hier sind wir in Deutschland vielleicht sogar mehr gefährdet als anderswo, weil wir leichter nach verfügbaren Institutionen und Diensten rufen können. Aber damit allein wird man noch nicht viel bewegen. Es kommt noch viel entscheidender auf das persönliche Zeugnis des Lebens und des Glaubens an, das wir indirekt in der Tat, aber auch direkt im Wort bekunden können. Der künftige Christ wird ein mutiger Zeuge sein, oder er wird bald nicht mehr sein. Er wird ein missionarisches Zeugnis geben, das in viele Winkel unseres Lebens hinein leuchten kann, wo der Arm des Amtes nicht hinreicht.

Leidenschaft für Gott entwickeln

Wie kann ich zu einem mutigen offensiven Zeugen Christi werden? Ich muss mich nicht so sehr um die Regeln des überzeugenden Auftritts kümmern, sondern vielmehr die Leidenschaft für Gott entwickeln. Vor der Kirche stehen heute so viele und so vielfältige dringende Aufgaben, dass es uns oft schwer fällt, uns auf das Eine Notwendige zu konzentrieren. Viele haben die Radikalität und die Einfachheit des Glaubens verloren und müssen sie wiedergewinnen: alle Hoffnung auf Gott zu setzen. Dann müssen freilich Besinnung und Meditation, Gebet und Anbetung einen ganz anderen Rang bekommen. Wir verwalten Gott, wenn wir es denn könnten, aber eigentlich müssen wir ihn täglich von ganzem Herzen und mit allen Kräften neu suchen. Vielen Christen ist die Leidenschaft für Gott verloren gegangen. Wenn wir Gott Gott sein lassen und er wirklich alles in allem ist, verlieren wir nichts, wenn wir uns vorbehaltlos ihm zuwenden. Die Bibel verspricht uns, dass uns dann alles andere dazu gegeben wird. Dann wird das Gespräch mit dem Nachbarn und dem Kranken, mit dem Künstler und dem Politiker, mit dem Wissenschaftler, dem Buddhisten und Muslim, dem Atheisten erst aufschlussreich. Wenn wir dann ein wenig wie die Narren Gottes in dieser Welt erscheinen, ist dies nur ein Gewinn. (K. Lehmann).

Die Seele Europas

Offensives, persönliches, mit der Leidenschaft für Gott erfülltes Zeugnis ist gefragt von den Christen im und ab dem Jubiläumsjahr 2000. Die Welt, Europa, Deutschland, Bayern und Ottobrunn brauchen die Stimme und das Engagement der Christen. Das Christentum und die Kirche sind in 2000 Jahren nicht alt geworden. An der Schwelle zum neuen Jahrtausend gibt es millionenfach in allen Ländern der Welt glaubhaftes christliches Leben. Wer die Begeisterung von 2 Millionen Jugendlichen beim Weltjugendtag Mitte August in Rom gesehen hat, wird sagen: "Die Kirche ist jung".

Diese Hoffnung dürfen wir auch auf unseren Kontinent, auf Europa setzen. Europa muss im 21. Jh. nicht ein postchristliches Europa werden. In dem sich einenden Europa wird heutzutage dringend nach einer gemeinsamen Basis für Werte und Moral gesucht. Das Christentum machte in 2000 Jahren das aus, was man metaphorisch "die Seele Europas" (Jacques Delores) genannt hat. Wenn es heute darum geht, Europa wieder eine Seele zu geben, so kommt es ganz gewiss auf eine Erneuerung des Christlichen an. Das Christentum, auf dem Europa gewachsen ist, ist das Beste auf der Hand liegende Angebot. So können wir nachvollziehen, was der Pariser Kardinal Lustiger dazu sagte: "Das Christentum fängt erst an. Es steigt aus den Kinderschuhen".



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Last updated 04.12.07