Predigten 2000


Jetzt ist die Zeit

Predigt von Pfarrer Lukasz zum Beginn der Fastenzeit 2000

Im Unterschied zu vielen, die der graue Alltag - nach der kurzen Aufregung der Silvesternacht - jetzt wieder eingeholt hat, ist für uns das ganze Jahr 2000 ein Heiliges Jahr - ein Jahr der Gnade. So ist die Fastenzeit dieses Jahres auch eine besondere Zeit. Daran soll uns der Spruch auf der Altarwand erinnern: Jetzt ist die Zeit. Es ist jetzt eine wichtige Zeit, weil in dieser Zeit die Christen sich dem wichtigen Ziel des Jahres 2000 stellen sollen. Wie heißt dieses Ziel?

Im Schreiben zum Jahr 2000: Tertio millenio adveniente definiert der Papst das große Jubiläum 2000 als "eine Zeit des Aufrufes zur Umkehr". Das Jahr 2000 zu feiern bedeutet also für uns Christen, dem Ruf zur Besserung unseres Denkens und Verhaltens zu folgen. Die Umkehr, die Besserung - das klingt für viele fast wie der Satz eines Spielverderbers, anstelle zu begeistern, schreckt er ab. Dieser Ruf sollte aber uns Christen keineswegs missmutig stimmen. Dieser Ruf bedeutet eine Einladung zur Reinigung von der Schuld, zur Aufrichtung, zur Erneuerung. Dieser Ruf verkündet die Freude der wahren Versöhnung, die zum inneren Frieden führt.

Am Aschermittwoch begann diese besondere Zeit, die Zeit der Erneuerung, die Zeit der Versöhnung, die Zeit der Umkehr. Unser Spruch an der Altarwand ist eine Einladung, diese Zeit ernst zu nehmen. Er ist der Bibel entnommen. An zwei Stellen betont Paulus mit Nachdruck die Aktualität der jetzigen Zeit (Röm 6,2). "Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; jetzt ist er da, der Tag der Rettung". Die Zeit der Gnade, die Zeit der Rettung, bedeutet eine besondere Zuwendung Gottes wie Paulus weiter erklärt: "Zur Zeit der Gnade erhöre ich dich, am Tag der Rettung helfe ich dir". Gottes helfende, rettende Nähe wird uns im besonderem Maße zu dieser Zeit geschenkt.

Was von uns in dieser besonderen Zeit erwartet wird, sagt Paulus in dem 2 Kor 13,11-14,1. Brüder und Schwestern. "Bedenkt die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts". – In dieser Zeit, wenn das Heil uns so nahe ist, sollten die Christen wach bleiben – vom Schlaf aufstehen! – und die Werke der Finsternis, die schlechten Taten, ablegen. Dann schreibt Paulus weiter: "Lass uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht".

Das ist ein anspruchsvolles Programm für die kommende Fastenzeit. Brauchen wir aber dieses Programm? Können wir überhaupt noch etwas mit dem Wort Umkehr, Buße oder Schuld anfangen? Wir leben in einer Gesellschaft, in der diese Begriffe verschwunden oder negativ besetzt sind, so dass es uns selbst auch nicht selten schwer fällt, das Positive an ihnen zu sehen. Wenn es so ist, dann nehmen wir desto mehr die beginnende Zeit ernst, schauen wir uns selbst an, ohne etwas zu verschweigen oder verdrängen zu wollen. Jetzt ist die Zeit der Gnade. Lasst uns diese Gnade auch in die dunkeln Stellen unseres Mensch- und Christseins einlassen, in die Stellen, die sein Licht und seine Gnade besonders brauchen. Jeder von uns denke in dieser Fastenzeit darüber nach, wo sich diese dunklen Stellen in seinem Leben befinden, die Stellen, die des Lichtes und der Versöhnung bedürfen: mancher nicht ausgetragene Konflikt, mancher versteckte Hass, manche Gleichgültigkeit oder Überheblichkeit – für Verarbeitung und Heilung dieser Schattenseiten ist jetzt die Zeit. Die Nähe Gottes und seine versöhnliche, vergebende Hand werden uns sichtbar angeboten.

Mandorla, "Jetzt ist die Zeit"
Damit das gelingt, müssen wir an der richtigen Stelle anfangen. Unser diesjähriges Fastentuch knüpft bewusst an die Form unseres Kreuzes an – eine sich öffnende Mandorla, in der Christus als der Lebendige steht. Im Kreuz ist das Heil, im Kreuz ist die Rettung – werden wir in der Karwoche singen. Die Fastenzeit soll uns zu Jesus Christus führen. Paulus sagt im zitierten 2. Kor 13,14: "Legt (als neues Gewand) den Herrn Jesus Christus an". Nicht die sich abnützenden Bußgewänder, sondern Jesus Christus als ein neues Gewand. Umkehren, die Denk- und Verhaltensweise zu ändern, heißt: diesem Christus nachzuspüren, der Anfang und Ende ist, diesem Christus nachzufolgen, der immer lebt und ewig bleibt.

Am heutigen Sonntag wird der Papst in Rom im Namen der Kirche ein Schuldbekenntnis ablegen und um Vergebung bitten. Er wird sich für die Sünden und das Versagen der Kirche in der Vergangenheit entschuldigen: für die Spaltung der Christen, für die gewaltsame Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, für Zwangsbekehrungen, für die Feindseligkeit vieler Christen gegenüber den Juden. Die Kirche soll – so der Papst - wo sie sich schuldig machte, ihre Sünden zugeben, so dass eine wirkliche Aussöhnung möglich wird. Dem Papst ist dabei klar, dass sich viele Katholiken fragen werden, was habe ich als heutiger Katholik mit den uralten Sünden der Kirche zu tun? In der Schrift, die zu diesem historischen Anlass veröffentlicht wurde, heißt es dazu, dass alle Katholiken, auch wenn sie "persönlich keine Schuld trifft", dennoch in dem "mystischen Körper der katholischen Kirche vereint sind und für diese Kirche um Vergebung bitten sollten".

Wir bitten also in dieser österlichen Bußzeit um die Vergebung der Sünden der Kirche in der Vergangenheit, wir bitten aber auch um Vergebung unserer persönlichen Sünden und unseres persönlichen Versagens.

Angesichts dieser allgemeinkirchlichen und persönlichen Schuld bedeutet für uns Christen die Fastenzeit dieses Jahres zu feiern, uns mit unserer kirchlichen und persönlichen Geschichte zu versöhnen. Das können wir erleben, wenn wir uns Christus anvertrauen. Nur aus diesem Vertrauen kann eine geistige Erneuerung herauswachsen, eine neue Denk- und Verhaltensweise, die einem Christen am Anfang des dritten christlichen Jahrtausends angemessen ist.

Jetzt ist die Zeit, jetzt beginnt eine besondere Zeit im Heiligen Jahr 2000, eine Zeit für eine persönliche Milleniums-Umkehr. Die frohe Botschaft lautet: Gottesgnade ist nicht von gestern, sie ist auch heute für uns da.

Dieser Spruch, Jetzt ist die Zeit, und die Form des Tuches sollen uns alle 40 Tage der Fastenzeit daran erinnern und uns einladen zielorientiert diese Zeit zu leben.

 



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Last updated 04.12.07