Predigten 2000


Wo heute "neues Pfingsten" am Dringendsten ist

Predigt von Pfarrer Lukasz zum Pfingstfest 2000

Wenn wir heute am Pfingstfest 2000 die Spuren des Heiligen Geistes im 20. Jh. suchen würden, dann wären wir uns – glaube ich – einig: Die stärkste Spur, die der Heilige Geist hinterlassen hat, war die Aufbruchstimmung in der Kirche in den sechziger Jahren - vor, während und nach dem zweiten Vatikanischen Konzil. Ein "neues Pfingsten" war damals mit den Händen zu greifen. Gerne erinnern sich viele katholische Christen an den Geist bewegten Papst Johannes XXIII. "Pfingsten ist mein liebstes Fest" – sagte er. Der Heilige Geist hat ihn inspiriert und bewegt, die Kirche für die Ökumene, für die Welt, für Gläubige und Ungläubige zu öffnen. Mit Nostalgie denkt man an diese Aufbruch- und Hoffnungsstimmung. Wir wissen: Heute ist diese geistliche Euphorie von damals der Ernüchterung, wenn nicht der Erstarrung gewichen. Wir spüren: An der Schwelle zum 21. Jh. bräuchte die Kirche wieder dringend diesen Geist, der sie erneuert und in die Zukunft führt.

Bei uns Christen an der Basis

Laut werden die Stimmen, die heute nach weitgehenden strukturellen Veränderungen in der Kirche rufen: mehr Selbstbestimmung für die Ortskirchen, mehr Zugang der Frauen zu den Ämtern, Abschaffung des Pflichtzölibats. Es sind Stimmen, die von der kirchlichen Basis kommen und an die Hierarchie heran getragen werden. Es wird nach Veränderungen gefragt, die nur die Bischöfe zusammen mit dem Papst genehmigen und einführen können. Als einfache Christen können wir in dieser Hinsicht nichts tun, als beten um die Geistesführung für die Verantwortlichen in unserer Kirche.

Es ist aber keineswegs so, dass nur die Hirten der Kirche Gottes Geist bräuchten und bei uns an der Basis alles in Ordnung wäre. An diesem Pfingstfest 2000 beschäftigt mich deshalb vielmehr die Frage, wo wir Christen an der Basis den Geist Gottes am Dringendsten bräuchten? Wo brennt es bei uns und wo sollten wir uns besonders bemühen um ein "neues Pfingsten"? Ich möchte heute auf drei Bereiche hinweisen, die meines Erachtens dringend Erneuerung brauchen und ich möchte mit Ihnen den Geist Gottes bitten, er möge in dieser Richtung bei uns wirken.

Der Mut zum Bekenntnis

Die Christen bräuchten heute mehr Mut zum Bekenntnis. Man hat oft das Gefühl, dass es vielen fast peinlich ist, sich vor anderen zum Christentum und zur Kirche zu bekennen. Schuld daran ist bestimmt auch eine ungute Stimmung gegen die Kirche: Wer sich zum Glauben bekennt und vor allem auch sagt, dass er in die Kirche geht, wird von den Arbeitskollegen oft als nicht zeitgemäß abgestempelt. Nur ungern spricht man heute mit anderen über religiöse Überzeugungen. Die Religion ist zu einer Privatsache reduziert: Am liebsten spricht man darüber überhaupt nicht. So wird die Gesellschaft und die Öffentlichkeit immer säkularer und unchristlicher. Ich frage mich: warum diese Zurückhaltung? Die Umgebung ist nicht so unchristlich, wie man oft denkt. Zwei Drittel der Deutschen gehören der katholischen oder der evangelischen Kirche an, d.h. von drei Menschen, denen man begegnet – rein statistisch betrachtet - fühlen zwei sich einer Kirche verbunden, in Bayern vielleicht noch mehr. Gemeinsamkeit kann man schneller finden als man vermutet. Das würde allen Christen gut tun: Anstelle zu schweigen und die christliche Lebenseinstellung zu verstecken, könnten wir uns gegenseitig im Glauben stärken. Warum nicht darauf stolz sein, dass wir Christen sind. Mutiges Bekenntnis befreit. Der Mensch, der Christ, der sich ausspricht wird freier. Das offene Bekenntnis stärkt den Glauben und macht den Glauben und das Christsein fröhlicher. Wir bitten den Heiligen Geist: Komm und schenke uns den Mut zu unseren Überzeugungen zu stehen. Wir bitten um eine Erfahrung des Geistes, um seine Stärke, damit es uns so geht, wie den Aposteln nach Pfingsten: "Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben" (Apg 4,20).

Wissende Christen

Im zweiten Bereich, in dem ich einen Platz für das Wirken des Geistes sehe, brauchen wir seine Gaben der Weisheit und der Erkenntnis. Es geht hier um das Wissen über den Glauben, über die Kirche, über christliche Antworten auf die aktuellen Fragen. Viele Christen scheuen das Gespräch über religiöse Themen, weil sie nicht gut genug informiert sind. Auch viele praktizierende Christen sind verunsichert, wenn ihnen Fragen gestellt werden in Bezug auf den Glauben, vor allem, wenn gegen christliche Auffassungen polemisiert wird. In unseren Zeiten brauchen wir ein solides Wissen, wenn unser Glaube herausgefordert wird. Erschüttert bin ich manchmal, wenn ich feststelle, wie wenig ein Gymnasiast, der kurz vor dem Abitur steht, über das Christentum gelernt hat. Manchmal frage ich mich: Was hat er 13 Jahre lang im Religionsunterricht gemacht? Schade, denn für die meisten wird mit dem Schulabschluss die Zeit der religiösen Bildung vorbei sein. Die meisten Schüler werden dann kaum die Möglichkeit nutzen, weiter über den Glauben und die Kirche zu lernen. Wie können sie dann als Christen auftreten, wenn es an den Grundkenntnissen fehlt. Zugegeben: Der Glaube und das Wissen sind nicht das Gleiche. Aber das Wissen macht den Glauben stärker und den Christen selbstsicherer. Gott hat uns auch den Verstand und die Vernunft gegeben, damit wir auch mit unserem Wissen ihn suchen. Bildungsangebote und theologische Literatur sind heute jedem zugänglich. In der wissenden Suche nach Gott ist die Bibel unersetzbar. Sie bleibt das Buch der Bücher, sie macht weise und schenkt das Leben. "Du kennst die Schriften, die dir Weisheit verleihen können" – schreibt Paulus an Timotheus (2 Tim 3,15). "Sie (die Juden) lesen die Schriften, weil sie glauben, in ihnen das ewige Leben zu finden" – lesen wir bei Johannes (Joh 5,39).

Wir brauchen den Geist der Weisheit und der Erkenntnis, damit wir Rechenschaft geben können von der Hoffnung, die uns trägt: "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt" (1 Petr 3,15).

Mehr Glaube an die Liebe, Ehe und Familie

Drittens: Wir brauchen den Schöpfer Geist und seine Gaben des Rates und der Stärke, damit an die Liebe zwischen Mann und Frau, an die eheliche Treue, an die Ehe und Familie geglaubt wird. Dass die traditionelle Familie in der Krise steht, brauchen wir nicht lange zu beweisen. Eine ständig steigende Zahl der Ehescheidungen, der allein erziehenden Mütter und Väter, der nicht ehelichen Lebensgemeinschaften und verwahrlosten Kinder, verändert bei vielen die Grundeinstellung zu Ehe und Familie. Die Liebe, bis der Tod uns scheidet, wird nicht mehr geglaubt und nicht angestrebt. Sogar sogenannte alternative Partnerschaftsformen werden gepriesen. Ein Politiker macht für sich Werbung, indem er seine Bisexualität preist. Ein Schlagersänger outet sich als homosexuell und verkauft daraufhin eine Million CD-Platten. In den Fernsehserien gibt es einen echten Homo-Boom (vgl. SZ vom 30.05.00). Natürlich dürfen Schwule und Lesben nicht diskriminiert werden. Auf der anderen Seite aber, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sind keine Familien im üblichen Sinn. Der Unterschied zwischen homo- und heterosexuellen Lebensweisen darf nicht verwischt werden. Das Schlimme an dieser Entwicklung ist, dass der normalen Familie zunehmend abgesprochen wird, die Keimzelle der Gesellschaft zu sein. Diese Situation ist für christliche Familien eine Herausforderung, eine Herausforderung in doppelter Hinsicht:

  1. an die Liebe, bis der Tod uns scheidet, zu glauben und um diese Liebe zu kämpfen,
  2. den zweifelnden und suchenden Frauen und Männern zu zeigen, dass die Liebe, die Treue, die Kinder, die Vater und Mutter zu Hause haben, der einzige, anstrebenswerte Weg für Frauen und Männer ist.

Unsere christlichen Familien brauchen den Geist der Stärke, seine Gabe des Rates, der Ehe- und Familienkrisen überwinden hilft, der die Überzeugung stärkt: Die traditionelle Familie ist die normale, glücklich machende Lebensform. Deshalb bitten wir heute den Heiligen Geist: "Entflamme Sinne und Gemüt, / dass Liebe unser Herz durchglüht, / und unser schwaches Fleisch und Blut / in deiner Kraft das Gute tut".

Komm, Heiliger Geist!

Wir sehen: Ein "neues Pfingsten" braucht die Kirche, nicht nur da oben, sondern gerade hier an der Basis. Wir blicken deshalb heute zum Himmel und bitten: Komm, Heiliger Geist und erneuere das Angesicht der Erde, dieser Erde! Komm, Heiliger Geist und erneuere das Angesicht der Kirche, dieser Kirche und dieser Gemeinde!

Ich wünsche jeder und jedem von uns, dass wir an diesem Pfingstfest 2000 durch das Wirken des Heiligen Geistes unser Leben und unser Christsein besser vor Gott begreifen lernen, dass wir uns von dem Leben spendenden Geist mehr bewegen und mehr leiten lassen, dass wir bessere und glaubwürdige Zeugen seines Wirkens und seines "Pfingsten" in uns werden.

 



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Last updated 04.12.07