Predigten 2000


Wo war die deutsche Jugend?

Predigt von Pfarrer Lukasz über den Weltjugendtag in Rom (15.-20.08.00)
am 10.9.2000


Wenn wir uns an diesem Sonntag vor dem Schulbeginn fragen, was das größte kirchliche Ereignis in den Sommerferien war, tun wir uns nicht schwer die Frage zu beantworten. Das war der Weltjugendtag in Rom vom 15. bis zum 20. August. Nach übereinstimmender Schätzung weltlicher wie kirchlicher Stellen nahmen an ihm über zwei Millionen junge Menschen zwischen 16 und 26 Jahren, aus 160 Ländern der Erde teil. Sechs Tage lang feierten sie friedlich ihren Glauben in einer Stadt Rom, die noch nie so jung und energiegeladen schien wie in diesen heißen Augusttagen.

Das Mega-Event vor den Toren Roms

Das Treffen gipfelte in einer langen Gebetsnacht am Samstag den 19. August und in der Eucharistiefeier am darauf folgenden Sonntagmorgen, auf dem Freigelände der zweiten Universität in Tor Vergata, 20 km südöstlich von Rom. Das war die größte Wallfahrt und die größte Eucharistiefeier in der Geschichte Roms und die zweitgrößte in der Geschichte der Welt, nach den Weltjugendtagen in Manila 1995, als an der Papstmesse vier Millionen junge Menschen teilgenommen hatten.

Das eindrucksvolle Nachtgebet mit dem Papst und die Eucharistiefeier am Morgen wird keiner der Jugendlichen vergessen. Die Massen jubelten dem Papst zu, sie unterbrachen durch Applaus und Gesang seine Ansprachen. Fröhlich und ausgelassen genossen sie das farbenprächtige und musikalisch eindrucksvoll untermalte "Mega-Event". Eine dreiviertel Stunde hat das Papamobil gebraucht, um zwischen den Sektoren durchzufahren, unter dem euphorischen Jubelschrei in über hundert Sprachen der Welt. Die Temperatur schwankte um 35 Grad. An 1.200 Stellen wurden 10 Mio. Liter Wasser ausgeteilt. 35.000 Freiwillige sorgten für Ordnung. 25.000 Toiletten wurden aufgestellt. Über die Gesundheit der jungen Pilger wachten 200 Ärzte, mit 30 Krankenwagen und zwei Hubschraubern. 5.000 Priester teilten bei der Eucharistiefeier die Kommunion aus.

In den Tagen davor fanden 450 Vorträge und Glaubensunterweisungen für die Jugend statt, die von Bischöfen und Kardinälen gehalten wurden. Ein Foto zeigt, wie Bischof Lehmann und Jugendbischof Bode die Arme hochreißen - ein seltenes Motiv von Bischof Lehmann in Rom. Die Begeisterung der jungen Leute reißt ihn mit. Zwei "Katechesen" hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz gehalten. "Überrascht und glücklich" ist er darüber, wie sehr sich die Jugendlichen "für die eigentlichen Fragen des Glaubens interessieren". Im Circus Maximus wurden 312 Beichtstühle aufgestellt – eine halbe Million der Jugendlichen gingen zur Beichte. 3.500 Journalisten berichteten in die ganze Welt vom Treffen.

Die Botschaft

"Die größte Glaubensfete der Welt" – nannte ein deutscher Journalist die Weltjugendtage. Trotz der lockeren Atmosphäre, durch die sich auch der Papst durch Klatschen und Arme Schwenken mitreißen ließ, wurde die Massenstimmung nicht mit billigen Floskeln erhitzt. Der Papst hat die Jugend im Jahr 2000 nach Rom eingeladen, um an sie eine Botschaft zu richten. Er wollte einer ganzen Generation von jungen Menschen etwas auf ihren Weg in das neue Jahrhundert mitgeben. Er hat die jungen Menschen aufgerufen, zu ihrem Glauben an Jesus zu stehen, auch dann, wenn es nötig ist, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen. Er hat sie gewarnt vor falschen Propheten und falschen Erlösungsverheißungen. Er hat sie erinnert an die traditionellen Familienwerte, an die christliche Sexualmoral. Er hat die Jugend ermutigt, sich für Frieden und Gerechtigkeit, für den Schutz des Lebens und gegen jede Form von Sklaverei einzusetzen. "Jesus weckt in euch das Verlangen, dass ihr aus eurem Leben etwas Großes macht, dass ihr euch nicht von der Durchschnittlichkeit überwältigen lasst." – rief der Papst ihnen zu. Die Jugendlichen lauschten den Worten des Papstes, die sie über mitgebrachte tragbare Radios in ihren Landessprachen verfolgen konnten. Den lautesten und längsten Beifall erhielt Johannes Paul II., als er mit einem prophetischen Zitat der heiligen Katharina von Siena ausrief: "Wenn ihr seid, was ihr sein wollt, werdet ihr Feuer auf der ganzen Erde entzünden".

Der Ernst der Botschaft und der lockere, von den Rhythmen der besten Weltmusik und Gesang erfüllte Rahmen, haben die Jugend angesprochen. Einige Stimmen der Jugendlichen danach: "Ich fahre innerlich gereinigt und gestärkt nach Hause", "Viele nette Jugendliche aus der ganze Welt habe ich getroffen: Viele Sprachen – kein Problem – mit einem Blick konnte man sich sofort verstehen." "Eine Bombenstimmung, viel schöner als bei Techno-Rave". "Ich glaube an Gott und liebe den Papst, auch wenn ich nicht einverstanden bin mit allem, was die Kirche lehrt". Die Beobachter berichteten nach dem Treffen von dem Phänomen der Rückkehr der Jugend zum Papst, von dem die westliche Presse noch vor zehn Jahren geschrieben hatte, dass er sie mit seinen konservativen Ansichten abschrecke. Humorvoll schrieb eine Zeitung: Nach der Techno-Generation und der Internet-Generation kommt jetzt die Papst-Generation (Die "Generation Papst"; Die Welt, 16.8.00).

Das sind einige Highlights dieses Mega-Ereignisses des Sommers. Ich spreche heute davon um der Freude darüber Ausdruck zu geben. Es gab aber Dinge, die mich doch nachdenklich gemacht haben. Ich habe mir zwei Fragen gestellt, die ich heute auch Ihnen stellen möchte, um gemeinsam nach einer Antwort zu suchen.

Schweigen der deutschen Fernsehsender

Die erste Frage: Warum fand das Ereignis so wenig Aufmerksamkeit in den deutschen Medien und damit in der deutschen Öffentlichkeit? Viele deutsche Katholiken wissen bis heute nichts davon. Warum fand in Deutschland, wie in zahlreichen Ländern, keine Live-Fernsehübertragung statt? Warum konnte man in Deutschland junge Menschen, die voller Begeisterung und Freude die Vielfalt der Weltkirche zeigen, die die Altersfurchen im Gesicht der Kirche verdrängen, nicht sehen? Warum wurden die Bilder, die das junge Gesicht der Kirche zeigen, das Gesicht einer Kirche, die aufbricht in das neue Jahrtausend, nicht übertragen? Nur das Bayerische Fernsehen überträgt am Schlusstag den Papstgottesdienst, der aber wegen liturgischer Erfordernisse weniger für Übermittlung jugendlicher Begeisterung geeignet ist. Die faszinierende Eröffnungsfeier vom Petersplatz, das nächtliche Mega-Event von "Tor Vergata": Fehlanzeige bei allen deutschen Fernsehsendern. Warum?

Wo war die deutsche Jugend?

Die zweite Frage: Warum waren unter mehr als zwei Millionen jungen Leuten aus 160 Ländern der Welt nur ca. 10.000 Jugendliche aus Deutschland? Sie würden gerade mal das Stadion zu einem Zweitligaspiel füllen. Das kann nicht an der Entfernung von Rom oder an Geldmangel liegen. Aus dem laizistischen Frankreich kamen immerhin 70.000! Woran kann es liegen? Ist es einer von den Beweisen, dass die katholische Kirche in Deutschland die Jugend tatsächlich verloren hat? Ist es vielleicht eine Folge der Zurückhaltung gegenüber Rom und die Folge der Papstkritik? Der offizielle Jugendverband der deutschen Kirche war ja bisher eher papstkritisch. Der Würzburger BDKJ-Vertreter Tilo Hemmert sagte bei einer Pressekonferenz in Rom: "Wenn man so viel weltweite Begeisterung für den Papst erlebt, da kommt man schon ins Grübeln, ob wir in Deutschland nicht doch zu viel über Strukturfragen nachdenken". Ergebnis seines Grübelns: "Das kritische Hinterfragen ist der typische Beitrag der Deutschen, aber das kann ja doch wohl nicht alles sein".

Recht trösten kann auch nicht die Aussage von Jugendbischof Bode aus Osnabrück, der bemerkte, dass nach Rom 50 % mehr deutsche Jugendliche kamen, als vor drei Jahren zum Welttreffen nach Paris. Die geringe Zahl der deutschsprachigen jungen Leute hat auch die deutsche Sprache bei den großen Feiern verdrängt. Die jungen Moderatoren sprachen italienisch, spanisch, englisch, französisch und sogar russisch (!). Man kann sich nachträglich fragen: Braucht die Jugend in Deutschland keine Glaubens- und Erneuerungsimpulse? Sondert sich die deutsche katholische Jugend nicht zu sehr von der Weltkirche ab und verpasst damit Gemeinschaftserlebnisse, die den Glauben stärken?

"Die Welt" kommentierte den Weltjugendtag in der Ausgabe vom 21.08: "In der Heiligen Stadt konnte man es nochmals erfahren: Die Mehrzahl der Jugend weltweit sehnt sich nach Werten, Idealen und einem moralischen Halt, den sie von Politikern und Parteien, Eltern und Schulen offenbar nicht oder nur unzureichend bekommt. Der Papst, dieser Philosophieprofessor aus Krakau, vermochte es, den Jungen und Mädchen bei ihrer Suche nach dem Sinn zu helfen und einige der Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens zu vermitteln, die im Christentum verankert sind. Damit strafte er all diejenigen Lügen, die darauf verweisen, dass viele seiner Ansichten nicht mehr zeitgemäß seien. Der Papst mag auf zahlreichen Feldern, wie der Abtreibungsfrage und der Verhütung, nicht mit dem Zeitgeist gehen, mag allgemein unbequem sein, sogar Anstoß und Kritik erregen. Die Jugend jedoch hält ihn für wahrhaftig und vertrauenswert. Für sie ist er eine moralische Instanz, deren Lehren Richtung weisen können. Auch deshalb war dieser Weltjugendtag ein überwältigender Erfolg, ein Erfolg, von dem Politiker und Popkünstler nur träumen können".

(Quellen: MKZ, Die Welt, Elmar Bordfeld)




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Last updated 04.12.07