Predigten 2000


U
nsere Heimat ist der Himmel

Predigt von Pfarrer Lukasz zum Fest Allerheiligen 2000

Es gibt wenige Tage im Laufe des Jahres an denen sich der Himmel so weit für uns öffnet wie heute, am Fest aller Heiligen. Wir richten unseren Blick hinauf, dorthin, wo Gott selbst wohnt, wo viele Frauen und Männer zur Vollendung gelangt sind und wohin wir alle über diese Erde pilgern. Unter dem offenen Himmel stehen zu können und dorthin schauen zu dürfen, ist ein besonderes Erlebnis. Diese Augenblicke des Staunens und der Verzückung dürfen wir uns am heutigen Festtag gönnen.

Sie sind allerdings nicht leicht zu erfahren. Viele Menschen, viele Christen, sind von der Erde, von dem Diesseits, so gefangen gehalten, dass sie nicht fähig sind, die Augen zum Himmel zu erheben. Vor unseren Augen findet in unserer Gesellschaft die Horizontalisierung des Lebens statt. Es wird versucht, das Diesseits auf Kosten des Jenseits zu vergrößern und die Transzendenz aus dem Leben auszublenden. Das Leben wird flach gedrückt: Die vertikale Dimension verschwindet zu Gunsten von vorherrschenden irdischen Dingen. Viele leben heute so, als ob es den Himmel überhaupt nicht gäbe. Wie arm, wie eintönig und traurig muss das Leben sein, in dem es keinen Platz für den Himmel gibt!

Es geht sicher nicht darum, dass wir Christen nur zum Himmel schauen und alles um uns herum übersehen. Uns Christen ist die Sorge für die Gestaltung der Welt ins Stammbuch geschrieben. Die Nächstenliebe ist das Maß nach dem wir gemessen werden. Jesus selbst ist Mensch geworden und hat unseren Blick für die Nöte und Sorgen der Mitmenschen geschärft. Der Christ kann seinen Glauben nur authentisch leben, wenn er mit der Welt, mit seiner Umwelt solidarisch ist.

Das ewige Leben

Die Solidarität mit der Welt, so wichtig und so stark wie sie sein kann, ist aber nicht die einzige Dimension, in der wir leben und ist auch nicht das Einzige, das im Leben zählt. "Unsere Heimat ist im Himmel" ruft Paulus den Christen in Philippi zu (Phil 3,20). "Unsere Heimat ist im Himmel" sagt das heutige Fest aller Heiligen. Dieses Ziel darf an der Jahrtausendwende nicht übersehen werden.

Wenn man den Statistiken vertrauen darf, glauben in Deutschland nur noch etwa 37 Prozent der Bürger an ein Leben nach dem Tod, in welcher Form auch immer. Das Leben hier und jetzt ist für die meisten die einzige Perspektive. Eine düstere Perspektive!

So sollte es bei uns nicht sein. So wie wir unter dem offenen Himmel schon jetzt leben dürfen, so sollten wir diesen Himmel für unsere Zukunft nach dem Tod offen halten. Das ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Glaubens. Der Glaube an einen Gott, der den Himmel für sich selbst behält und den Menschen in der Dunkelheit des Grabes zurück lässt, ist kein christlicher Glaube. So wie wir im Credo den dreifaltigen Gott bekennen, so bekennen wir den Glauben an das ewige Leben: "Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung der Toten und das ewige Leben".

Die Botschaft von der Auferstehung Christi, der den Menschen das Tor zum ewigen Leben eröffnet hat, war das Fundament, auf dem die Kirche entstanden ist. Diese Botschaft "unsere Heimat ist im Himmel" aus dem Mund der Apostel und der ersten urchristlichen Verkünder, glich einer Revolution: Der ferne Gott des Alten Testaments ruft die Menschen nach dem Tod in seine Geborgenheit. Außerhalb Palästinas wird auf einmal den Menschen, die nur das Irdische sahen und unter einem Himmel lebten, in dem sich nur die Götter vergnügten, nun die Hoffnung gegeben, zur ewigen Vollendung bei Gott zu gelangen, bei Gott, der das Leben ist, der das Leben will und das Leben schenkt.

Heute, 2000 Jahre später darf diese Botschaft nicht verstummen. Sie muss heute, in einer Zeit, in der der Mensch im Konsum versumpft und in der ihm jegliches Jenseits abgesprochen wird, noch kraftvoller klingen.

Der offene Himmel

Mit dem Seher Johannes aus dem Buch der Offenbarung dürfen wir heute direkt in den Himmel schauen. Vom Himmel kann man nur in Bildern und Symbolen sprechen. Hier ist auch unsere Fantasie herausgefordert. Mit dem Seher Johannes betrachten wir eine himmlische Liturgie, die dort gefeiert wird. An ihr nehmen teil Engel und auch Menschen. Es ist "... eine Große Schar, aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen, niemand konnte sie zählen. Sie tragen weiße Gewänder und rufen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm" (Offb 7,9-10). Die Ältesten und alle Engel beten Gott an und sprechen den Lobpreis Gottes: "Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit" (Offb 7,12). Welche Faszination geht aus diesen Bildern hervor? Welches Gefühl der Glückseligkeit, die den Menschen dort zuteil wird! Sie haben keine Sorgen mehr, keiner ist arm oder krank, keiner unterdrückt oder ungerecht behandelt. Sie alle stimmen ein Lied an, das sie mit Glück, mit Frieden und mit Gott erfüllt.

Hat dieser Ort, hat dieser Zustand, nicht eine unglaubliche Anziehungskraft? Ist nicht dieser Ort, ist nicht dieser Zustand, anstrebenswert? Ist er nicht mehr wert als vieles von dem wir glauben es wäre sehr wichtig, es hätte großen Wert! Lohnt es sich nicht dorthin zu pilgern, wo Glück, Frieden und Gott so greifbar werden.

Unser Ziel

Die Liturgie des heutigen Tages lädt uns ein, unseren Blick zu erweitern. In der Präfation heißt es: "Denn heute schauen wir deine heilige Stadt, unsere Heimat, das himmlische Jerusalem". Gönnen wir uns heute dieses Schauen, dieses Hineinschauen in die Wirklichkeit Gottes und dieses Staunen. Bei Gott, der dort alles in allem ist, erblicken wir auch unsere Schwestern und Brüder im christlichen Glauben, die vor uns gelebt haben und die bereits ans Ziel der irdischen Pilgerschaft gelangt sind. Der Himmel hat sich in den 2000 Jahren nach Christi Geburt gut gefüllt. Die, die dort angelangt sind, zeigen uns heute die sicheren Wege dorthin, sie weisen hin auf die Seligpreisungen Jesu (Mt 5,1-12), die ihnen als Wegweiser gedient haben. Die Präfation fährt fort: "Dorthin pilgern auch wir im Glauben, ermutigt durch ihre Fürsprache und ihr Beispiel und gehen freudig dem Ziel der Verheißung entgegen."

Lasst uns also heute für einen Augenblick unsere Sicht von den irdischen Dingen befreien und tief in den Himmel schauen. Lasst uns heute unsere Liturgie, die Liturgie, die wir jetzt hier in der Kirche feiern, mit der himmlischen Liturgie, die Johannes beschreibt, verbinden. Wenn wir hier auf Erden die Liturgie feiern, dann wird auch die himmlische Liturgie greifbarer. Lasst uns in das Lob Gottes einstimmen, mit allen Engeln und Heiligen. Der Himmel, der sich heute unserer Versammlung öffnet, weckt unsere Sehnsucht nach Vollendung und ewigem Glück. Die Sehnsucht nach dem Himmel schafft – allem Anschein zum Trotz – auch mehr Harmonie im Leben, sie hilft zu leben hier und jetzt. Die Vision der heiligen Stadt, des himmlischen Jerusalems, unserer Heimat, möge uns auf der Pilgerschaft dorthin stärken. Die Sehnsucht nach dem Himmel möge heute spürbar werden, diese Sehnsucht, die uns leben, die uns in Fülle leben lässt.



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Last updated 04.12.07